Der Tagesspiegel, 03.07.2002 Fenster zur FernsehweltDie Xbox war der Anfang. Nun soll das übrige Wohnzimmer erobert werden. Doch der Erfolg ist zweifelhaft
Bill Gates sucht einmal mehr den Erfolg und scheut dabei keine finanziellen Mittel. Seine Herrschaft soll nicht länger auf die PC-Welt begrenzt bleiben. Im Kampf der Spielekonsolen gibt sich der Konzern mit seiner Xbox gegenwärtig noch siegessicher. Bill Gates Software soll auch auf die Set-Top-Boxen, die für das digitale Fernsehen künftig in jedem Wohnzimmer benötigt werden? Immerhin ist zu erwarten, dass sich das digitale Fernsehen zum gängigen Zugang der Verbraucher zu Unterhaltung und Nachrichtensendungen, zum elektronischen Geschäftsverkehr und natürlich zu digitalen Fernsehprogrammen entwickeln wird.
Allerdings ist ,Internet on TV allein noch kein Argument, wie die Fehlschläge von AOL TV, msn TV/Web TV und Metabox belegen, so Werner Lauff, zuletzt Geschäftsführer bei der inzwischen aufgelösten Bertelsmann Broadband Group und nun Director Entertainment & Media bei PricewaterhouseCoopers (www.pwc.de). Wir brauchen vielmehr neue TV-Angebote, wie Spartenkanäle auf Video-on-Demand- Basis. Erst dann haben wir die Grundlage für ergänzende Dienste wie E-Commerce auf dem Bildschirm und dann hat auch der Kunde wirklich einen Grund, eine Set-Top-Box interessant zu finden." Längst hat sich einmal mehr der Microsoft-Konzern strategisch positioniert und dabei beispielsweise im vergangenen Dezember den US-Kabelanbieter Comcast bei der Übernahme des Breitband-TV-Geschäftes von AT&T finanziell unterstützt. Die Konkurrenten haben daraufhin den Kürzeren gezogen.
Und der Konzern aus Redmond hat auch schon europäischen Boden betreten. Der portugiesische Sender TV Cabo (www.tvcabo.pt) konnte als Erster gewonnen werden. Die geplante Zahl von 100 000 Zuschauern im neuen Digital-Dienst wurde zum Jahresende 2001 allerdings nicht erreicht. Gerade einmal 2500 Kunden konnten von den neuen Vorteilen der Wohnzimmer-Box mit E-Mail-Zugang, Online-Banking und Internet-Shopping sowie Spielen überzeugt werden.
Auch das Interesse der Programmanbieter an der Microsoft-Lösung ist eher gering, sorgen die ständigen Sicherheitslöcher in den verbreiteten Windows-Betriebssystemen doch immer wieder für Schlagzeilen und vor allem Verunsicherung.
Einen Rückschlag erlitt der Konzern aus Redmond auch, als er gegenüber der Europäischen Komission einwilligen musste, die technischen Entscheidungen der Betreiber digitaler Kabelnetze in Europa, an denen er beteiligt ist, nicht weiter zu beeinflussen. Die Konkurrenz ist hart. Vor allem OpenTV (www.opentv.com) ist im Bereich des interaktiven Fernsehens (iTV) weltweit führend. Allerdings setzen die Entwickler und Strategen bei OpenTV auf offene Standards und können sogar das Internet mit seiner Standardsprache HTML direkt auf den Set-Top- Boxen darstellen. Daneben werden Spezifikationen wie die Fun-Plattform oder die Standardbestrebungen MHP nicht ausgesperrt. Stephane Goebel, General Manager von OpenTV Deutschland, erklärt dazu, auch künftig werde das traditionelle Fernsehen weiterhin im Mittelpunkt stehen: Wesentlich ist dabei schon die rein praktische Unterscheidung in der Handhabung. Während der Computer als Arbeitsgerät eingesetzt wird, ist der Fernseher ein Unterhaltungsmedium im privaten Haushalt. Insofern sollte es eigentlich im Interesse aller Beteiligten liegen, so genannte offene und standardisierte Schnittstellen zwischen der eingesetzten Hardware, also der Set-Top-Box, und den darüberliegenden Anwendungen zu schaffen und den Netzbetreibern und Fernsehsendern zur Verfügung zu stellen."
Angebot und Technik werden aber nur dann erfolgreich sein, wenn sie problemlos und vor allem sicher zu bedienen sind. Die negativen Erfahrungen aus der PC-Welt dürfen sich nicht wiederholen, so der Medienexperte Lauff. Microsoft hat es leider versäumt, wichtige Programme wie Outlook und den Internet Explorer missbrauchssicher zu gestalten. Viren, Trojaner, Dialer, Pop-Up-Fenster und Spam- Mail tragen maßgeblich dazu bei, dass der E-Commerce als unsicher empfunden wird, obwohl das gar nicht der Fall ist. Und deswegen können wir auf dem TV-Gerät keine ,Politik des offenen Scheunentors' zulassen. Wir brauchen eine Formenstrenge es darf keinen Absturz des Fernsehers geben. Daneben brauchen wir natürlich auch verlässliche Netzbetreiber, die für Sicherheit bürgen, vor allem beim Zahlungsverkehr."
Thomas Baumgärtner, Pressesprecher von Microsoft Deutschland, hält die Diskussion für überholt. Ein PC-Chaos ist nicht zu erwarten und entspricht eher einer alten Sichtweise auf die Windows-Systeme. Microsoft sieht sich in diesem Bereich als Basistechnologie-Lieferant und nicht zuständig für Komplettsysteme. Für die Funktionen einer Set- Top-Box setzen die Entwickler die Version des abgespeckten Mini-Windows als modulares Baukastensystem ein.
Beim deutschen Hersteller Galaxis haben die zuständigen Entwickler allerdings schon vor vielen Monaten auf das alternative Betriebssystem Linux gesetzt. Der Kampf um die beste Lösung hat inzwischen auch die Wohnzimmer erreicht.