Deutschlandfunk, 07.11.2004
Hängt das Kabel in der Luft?
Umbruch im digitalen TV-Markt

 

Das Antennenfernsehen wird digital - DVB-T das Überallfernsehen - 20 Programme und mehr. Mobiler Empfang über Antenne. Einfach umsteigen auf das digitale Antennenfernsehen. Alles was sie brauchen ist ein Empfangsgerät für DVB-T - das Überallfernsehen. Am 8. November starten Düsseldorf und das Ruhrgebiet und jetzt sind Sie dran.

"Jetzt sind Sie dran" - so klingt es, wenn das Projektbüro DVB-T in Nordrhein-Westfalen die Werbetrommel für den Start des digitalen Antennenfernsehens rührt: Fernsehen überall, für alle - und vor allem erfolgreich. Seit mittlerweile gut einem Jahr arbeitet das Antennenfernsehen an seinem Comeback: DVB-T bringt die digitale Programmübertragung mit neuen und zum Teil interaktiven Möglichkeiten für die Übertragung durch die Luft. DVB-T bietet bis zu 24 Programme, die mit einer kleinen Zimmerantenne zu empfangen sind. In ausgezeichneter Qualität. Für die Umstellung benötigt der Fernsehzuschauer lediglich einen digitalen Receiver. An diesen Receiver schließt der Zuschauer seine alte Haus- oder Zimmerantenne an. Nun muss nur noch der Receiver mit dem Fernseher verbunden werden.

In Berlin fing alles an - im August 2003. Jetzt sollen die großen Ballungsgebiete in Deutschland von analog auf DVB-T umgestellt werden. In Teilen Niedersachsens und im Köln-Bonner Raum gibt es das neue Digitalfernsehen bereits. Anfang Oktober ist das Rhein-Main-Gebiet hinzu gekommen. Morgen startet das digitale Antennenfernsehen in Düsseldorf und im Ruhrgebiet. Für 2005 sind weitere Regionen geplant, darunter Halle/Leipzig, Erfurt/Weimar, Nürnberg, München und Stuttgart.

Auch die Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik GFU wertet die bisherige DVB-T-Einführung als Erfolg. Allein in der Pilotregion Berlin und Brandenburg wurden seit dem Start rund 260.000 DVB-T-Empfänger verkauft. Das waren nach GFU-Angaben mehr, als es Antennenzuschauer vor der Umstellung gab. Gleichzeitig ist die Zahl der Kabelanschlüsse gestiegen. Das bedeutet, dass sich mehr Kunden einen Fernseher für einen einfachen Zweitempfang gekauft haben. Insgesamt erwartet die Gesellschaft, dass bis Ende des Jahres 1.1 Millionen Empfangsgeräte für das terrestrische Digitalfernsehen in deutschen Haushalten stehen. DVB-T holt also auf, wenngleich nach wie vor die meisten Menschen in Deutschland über Kabel oder Satellit fernsehen. Fritz Pleitgen, Intendant des Westdeutschen Rundfunks, gibt sich zufrieden:

DVB-T hat sich hier in NRW als ein großer Erfolg herausgestellt. Hier ziehen auch alle an einem Strang. Das heißt insbesondere der WDR ist der Trendsetter, aber auch die Privaten machen mit, das ZDF ebenfalls und die Landesregierung als auch die Landesmedienstalt tragen dazu bei, dass DVB-T ein Erfolg wird. Ich bin davon überzeugt, dass wir hier dem Publikum ein erstklassiges Angebot machen. Dies ist vor allem finanziell hoch attraktiv - man braucht keine Kabelgebühr zu bezahlen. Man erhält statt vorher drei oder vier Programme - 24 und noch mehr Programme.

Aber nicht alle glauben an einen großen Erfolg von DVB-T. Vor allem die nicht, die schon vor Jahren die Einführung des digitalen Antennenfernsehens als Alternative zu Satellit und Kabel forderten, so wie Ex-RTL-Chef und Kenner der deutschen Medienszene, Prof. Helmut Thoma. Er stellt die Frage:

Was ist heute? DVB-T betrifft heute diejenigen, die weder ans Kabel noch an den Satellit angeschlossen sind. Das sind meistens so irgendwelche Fernsehmuffel, aus welchen Gründen auch immer. Es ist im Grunde genommen zu spät gekommen und löst eigentlich keine Probleme. Es bringt eine Ergänzung. Es ist aber nicht die Lösung.

Damit spricht er den etablierten Kabel-TV-Betreibern in Deutschland aus der Seele. Ihr Vorwurf an Politik und öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten: Mit DVB-T wird eine kostenlose Konkurrenz zu ihren Netzen aufgebaut - finanziert aus Steuermitteln. Auch die EU-Kommission hat sich dieses Themas angenommen: Bereits im vergangenen Sommer hat sie ein Prüfverfahren zur Finanzierung des digital übertragenen Fernsehens im Großraum Berlin-Potsdam eröffnet. Die Medienanstalt Berlin-Brandenburg soll Rundfunkanstalten Beihilfen zur Benutzung des DVB-T-Netzes gewährt haben, so der Vorwurf der Kommission. WDR-Senderchef Fritz Pleitgen lässt das nicht gelten:

Dies ist ein Vorwurf, der absolut nicht akzeptabel ist. Das Kabel ist durch Steuermittel überhaupt erst möglich geworden. Wir unterstützen ja nicht mit dem Aufbau von DVB-T irgendwelche Firmen, sondern eine Infrastruktur, die der gesamten Gesellschaft zur Verfügung steht und deswegen ist das ein völlig absurder Vorwurf.

Auch Norbert Schneider, Direktor der Landesmedienanstalt NRW bleibt gelassen. Den Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung sieht er nicht. Die Kabelnetzbetreiber vergessen schnell, dass auch die Einführung des Kabels fast ausschließlich mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde. Für ihn ist die Reichweite von DVB-T zum Kabel nicht vergleichbar:

Es soll der Elefant sich vor der Maus auch nicht allzu sehr erschrecken. Dass dort auch öffentliche Mittel bei sind, ist auch nichts Ungewöhnliches: Es gibt keine Kommunikationsinfrastruktur, die ohne die Bereitstellung öffentlicher Mittel - in welchem Umfang auch immer - vorangekommen wäre.

Fast 60 Prozent der deutschen Fernsehzuschauer beziehen ihre Fernsehprogramme über das Kabel - lediglich sieben Prozent aller Fernhaushalte empfangen Fernsehen noch über die Antenne. Der Kabelelefant sollte sich also nicht vor der Antennenmaus erschrecken, meint der Chef der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen.

An diesem Punkt widerspricht Ralf Heublein entschieden, der Geschäftsführer des Kabelverbandes:

Die Förderung des Kabels mit öffentlich rechtlichen Mitteln ist eigentlich ein Märchen, das immer wieder gerne hervorgeholt wird: Faktisch war es so, dass damals die Post im Staatsbetrieb im staatlichen Auftrag Kabelfernsehen in Deutschland eingeführt hat. Der Effekt der daraus entstanden ist: Wir haben europaweit die größte Programmvielfalt im Free-TV überhaupt. Gleichzeitig ist es aber so, dass die Telefongelder für den Aufbau der Netze verwandt wurden. Öffentliche Gelder in dem Sinne sind da nicht geflossen.

Auch betrachteten die Kabelnetzbetreiber die Gegenwart, weil auch sie hohe Summen in ihre Netze investieren müssten, um die Digitalisierung voranzubringen.

Fakt ist: Die deutsche Medienlandschaft ist im Aufbruch; denn sie stellt die Fernsehverbreitung bis zum Jahr 2010 von analog auf digital um. Eine Umstellung, die die Bundesregierung schon 1998 gefordert hat. Ziel ist es, alle drei Übertragungswege - Antenne, Kabel und Satellit - zukunftsträchtig zu modernisieren. Jetzt gerät durch die Digitalisierung des Antennenfernsehens das Kabel immer mehr unter Druck und somit in Bewegung - denn im Kabel steckt die Digitalisierung noch ganz am Anfang. Das, was Fernsehkunden in Zukunft preiswert durch den Äther geliefert bekommen, könnte den traditionellen Markt abgraben - das Kabel hängt quasi in der Luft.....

Am gesamten deutschen Medienmarkt hatte der Satellit im Jahre 2003 einen Anteil von 37 Prozent, während sieben Prozent der Bevölkerung noch auf die Antenne angewiesen waren. 58 Prozent, und damit den größten Anteil an der Programmverbreitung, hat das Fernsehkabel. Doch egal, ob über Satellit, Antenne oder Kabel das Fernsehprogramm in die Wohnzimmer gelangt, der weit aus größte Teil wird noch analog empfangen. Zum Vergleich: In Großbritannien lag der Anteil der Haushalte mit Digitalfernsehen Mitte 2003 bereits bei 53,8 Prozent.

Hauptfeind des Digitalfernsehens war bisher ausgerechnet die Vielfalt im analogen Kabelfernsehen. Warum also umsteigen, wenn man auch so schon über 30 öffentlich rechtliche und private Fernsehprogramme empfangen kann? Das war und ist einzigartig in Europa. Werner Lauff, ehemaliger Geschäftsführer der Bertelsmann Broadband Group und Kenner der Szene, begründet die unterschiedlichen Digitalisierungsgrade europäischer Märkte mit der Vielfalt der Inhalte:

Digitalfernsehen ist in England zum Beispiel so groß geworden, weil BskyB, als Anbieter von Pay-TV den Markt eröffnet hat. Warum konnte er ihn eröffnen, weil es relativ langweiliges Fernsehen in England gab. Da war Pay-TV ein Segen. In Frankreich ist es nicht viel anders gewesen. Dort war das Staatsfernsehen dringend reformbedürftig. In Deutschland war das anders. In Deutschland haben wir viele private, frei empfangbare Fernsehsender und erst dann kam Pay-TV. Deswegen ist der Deutsche Pay-TV-Anbieter Premiere in Deutschland gegenüber England und Frankreich auch ein Stück zurück. Deswegen ist auch Digitalfernsehen in England und Frankreich weiter, als es jetzt in Deutschland der Fall ist.

Aber was bedeutet eigentlich die Digitalisierung der Netze? Auf jeden Fall nicht Pay-TV - um einem weitverbreiteten Vorurteil vorzubeugen. Dazu Werner Lauff:

Die Digitalisierung hat für den Kunden den Vorteil, dass in das bestehende Frequenzspektrum mehr Programme passen. Und das bedeutet, dass viele Inhalte, die jetzt brach liegen, gesendet werden können. Denken Sie nur an den Fachzeitschriftenmarkt, wie sie ihn am Kiosk beobachten können. Da gibt es Fachzeitschriften zu den Themen Gesundheit, Foto, Video, Film, Audio, Computer und so weiter und so fort. Das alles findet sich nur sehr begrenzt im deutschen Fernsehen - jedenfalls nicht mit eigenen Kanälen vertreten. In dem man nun digitalisiert, in dem man die breiten analogen Kanäle reduziert und sagt, da kann ich nun sechs bis zehn digitalen Kanäle machen an der gleichen Stelle. So schafft man neue Angebote und neuen Wettbewerb.

Ein digitaler Satellitenempfänger kann bis zu 350 Sender verarbeiten, ein digitaler Kabelempfänger bringt es immer noch auf etwa 200 Sender, wenn die analogen Signale nicht mehr bedient werden müssen. Die Digitalisierung im Kabel und im Satellitenbereich führt also zu enormen Möglichkeiten, den Fernsehmarkt zu erweitern. Helmut Thoma sieht vor allem Spartenkanäle und ganz neue Angebote:

Die Digitalisierung ist ein technischer Fortschritt, der gar nicht aufzuhalten ist. Auch hat die Frequenzknappheit viele Jahre die Medienpolitik beschäftigt - die fällt jetzt weg. Und was passiert jetzt mit den Zusatzprogrammen? Den Menschen ist es egal, ob sie ihre Programme digital, analog oder notfalls per Briefträger erhalten - das ist ihnen auch egal. Zusatzprogramme sind jetzt die große Frage: Wer finanziert sie, welche Inhalte.

Der Markt für Spartenprogramme treibt heute schon bunte Blüten im Medienmarkt. Da drängeln sich im digitalen Kabel und auf dem Satellit neben Wein-TV, Bahn-TV, Bibel-TV auch bald Sender wie Raze. Die Hamburger haben sich in der vergangenen Woche langfristig die exklusiven Rechte auf alle Trab- und Galopprennbilder in Deutschland gesichert. Raze setzt auf die Wettleidenschaft der Deutschen und gehört zu 75 Prozent der Internetfirma Webtrade und zu 25 Prozent der eigenen Geschäftsführung. Geplanter Wettumsatz: rund 30 Millionen Euro jährlich. Der offizielle Sendestart ist für den 17. November vorgesehen mit Übertragungen aus Berlin-Karlshorst und Dresden.

Ein weiteres neues Spartenprogramm ist TV-Gusto. Der Sender strahlt ein 24 Stundenprogramm zum großen Thema: "Essen und Genießen" aus. Seit dem 21.September ist der Kölner Sender auf dem Satelliten Astra Digital empfangbar. Programmstart beim Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland - kurz KDG - war der 1. November. Ab dem 15. November folgt eine Ausstrahlung über den Kabelanbieter ish aus Nordrhein-Westfalen.

TV Gusto setzt den Schwerpunkt auf eigen produzierte Sendungen. Die Macher haben zehn neue Formate für den Sender entwickelt - unter anderem die Show "Kochstars - die Herausforderer", bei der Hobbyköche gegen einen Profi antreten. Der Kölner Sender hat von der Landesmedienanstalt eine Lizenz für 10 Jahre erhalten. Früher - in der analogen Welt - wäre dies gar nicht möglich gewesen, weil die technischen Verbreitungskosten viel zu hoch waren. Vier bis sechs Millionen Euro muss ein Sender zum Beispiel jährlich für die analoge Ausstrahlung über den Satelliten Astra bezahlen. TV Gusto Geschäftsführer Jörg Schütte:

Jetzt ist es zum ersten Mal so, dass man sich die Digitalisierung leisten kann. Das betrifft vor allem den Satellitenbereich, wo es große Reichweitenzuwächse gibt. Das trifft aber auch immer mehr auf den Kabelbereich zu.

Aus dem Werbemarkt gebe es bereits ein positives Feedback, sagt Schütte. Das habe etwas damit zu tun, dass sich die Werbeindustrie auf digitale Sender und auf neue Werbeformen einstellen wolle. TV Gusto zeigt ausschließlich Werbung aus dem Bereich Essen und Trinken - eine Autowerbung sucht man bei dem Spartensender vergeblich. Schütte zur Finanzierung seines Senders:

Wir haben eine sehr sportliche Finanzierung gewählt: Es gibt eine GmbH, die ist ganz normal kapitalisiert mit 25.000 Euro. Alles andere sind Erlöse. Wir haben mit vielen Werbekunden im Vorfeld gesprochen und konnte diese überzeugen, Werbeblöcke zu buchen und Zusagen zu machen. Das ist unsere Finanzierung, eine reine Werbemarktfinanzierung.

Schütte kennt sich aus in der Medienlandschaft: Der ehemalige Chefredakteur und Programmdirektor des Fernsehsenders VOX glaubt an eine Boomphase in den kommenden zwei Jahren.

Und dann wird das passieren, was in allen Märkten passiert: Es gibt Marktbereinigungen und es werden diejenigen übrig bleiben, die sich am saubersten positionieren und ihre Dienstleistung am besten verkaufen.

Für die etablierten privaten Fernsehsender wie - oder SAT1- bedeuten Spartenprogramme wie TV Gusto neue Konkurrenz, Wettbewerb und Reichweitenverlust. Deshalb nehmen sie eine eher abwartende Haltung zur Digitalisierung im Kabel ein. Und sie unterstützen die Programmverbreitung über DVB-T. Der Grund liegt auf der Hand: Durch die Begrenzung auf 24 Programme kann ihnen dort keine große Konkurrenz durch kleine Spartensender wie TV Gusto gemacht werden. Für die Einspeisung der Programme in die deutschen Kabelnetze wollen die etablierten Privatsender am Erlös beteiligt werden. Zurzeit verhandeln die großen privaten Fernsehsender mit den Kabel-TV-Anbietern. Dazu Ex-RTL-Chef Helmut Thoma:

Das fasziniert mich immer so an Deutschland, dass man hier so tut, als wenn das hier eine völlig weit im Pazifik liegende Insel wäre. Man kann sich doch mal umschauen, wenn man sieht wie das in den USA funktioniert. Warum läuft das? Die Grundlage der Kabelunternehmen sind die Programme und nicht die Kabeldose, wie das die Telekom einmal gesehen hat. Die kamen ja auch aus der Denke der Telefondienstleister, die haben gesagt, wenn Du mein Netz nutzt, dann musst Du zahlen. Nur hier ist anders: Das läuft heute nur, wenn entsprechend gute Programme drauf sind, dann legen sich die Leute das Kabel zu und ansonsten werden sie es nicht machen und werden auf andere Möglichkeiten ausweichen. Und wenn dem so ist, dann müssen die Anbieter auch beteiligt werden, da muss ein Erlös herauskommen.

Noch hat das Kabel die Macht - knapp 60 Prozent der Fernsehzuschauer in Deutschland hängen quasi an der Dose. Doch die Vorherrschaft des Kabels - in den 90er Jahren noch groß gefeiert - beginnt zu bröckeln. Zum Beispiel der Kabelnetzbetreiber ish aus Nordrhein-Westfalen, der 4,1 Millionen Kunden bedient. Zahlte man im Jahre 2000 noch 2.300 Euro für jeden angeschlossenen Haushalt, fiel der Preis auf 63 Euro pro Haushalt im Jahr 2002. Ein Wertverlust von 97 Prozent. Heute sind die ehemaligen Gläubigerbanken unter der Führung der Deutschen Bank und Citigroup bei ish am Ruder.

Bei allen anderen großen Kabelnetzbetreibern, wie Kabel Deutschland KDG mit fast zehn Millionen Kunden haben Private Equity Firmen das Sagen, also Investmentfirmen, die privates Kapital suchen, zusammenfassen und anlegen in Bereichen, die ihnen profitträchtig erscheinen. Auch bei Iesy dem Kabelnetzbetreiber aus Hessen haben Private-Equity-Gesellschaften das Sagen. Der dritte größere Kabelnetzbetreiber ist die Kabel Baden Württemberg. Das Unternehmen gehört der Blackstone Group, einer Tochter der Deutschen Bank und neben anderen Kapitalgebern der Bank of America Equity Partners. Kabel Baden Württemberg beliefert über 2,3 Millionen Fernsehhaushalte. Das deutsche Kabelfernsehen wird also von Investmentfonds und Kapitalgebern kontrolliert, die im Grund kaum jemand kennt. Die Frage ist berechtigt: Wer sind sie, und welche medienpolitische Ziele verfolgen sie?

Also Private Equity - das ist ja nichts schlimmes, sondern das ist deren Geschäftszweck - das sind sozusagen Lebensabschnittspartner. Das heißt die wollen eine Zeitlang drinnen bleiben und dann mit einem möglichst guten Gewinn weiter verkaufen. Insofern erfüllen die ihren Geschäftszweck. Im Grunde genommen ist das deutsche Kabel fast ausschließlich in der Hand von Private Equity...

sagt Medienkenner Helmut Thoma, und weiter:

Das deutsche Kabel hat mit deutschen Firmen Null zu tun, wie auch die größte deutsche Fernsehgruppe die SAT 1 Gruppe auch mit deutschen Firmen nichts mehr zu tun hat - das ist eine spannende Entwicklung.

Die deutschen Kabelnetzbetreiber hatten Mitte des Jahres Großes vor. KDG, der größte Anbieter, beantragte eine Fusion aller Kabelnetzbetreiber. Das Kartellamt legte Einspruch ein, weil es befürchtete, es könne ein Monopol entstehen. Die Bedenken gingen so weit, dass Kabel Deutschland den Antrag auf die Fusion Mitte September zurückzog. Nach einer Phase der Ernüchterung sind jetzt neue Ideen gefragt. Eine davon entwickelt Helmut Thoma:

Jetzt muss das alles anders organisiert werden. Meine Vorstellung wäre, wenn ich mir das so als langjähriger Kenner der Szene mal anschaue, im Westen werden ish, iesy und Baden-Württemberg zusammengebracht und daraus wird dann Kabel-West gemacht. Das wären dann knapp unter 8 Millionen Haushalte, die KDG hat 10 Millionen Haushalte. Ich glaube, es wird keine großen Hindernisse mit Kabel-West geben. KDG ist ja auch durchgegangen.

Neben den großen deutschen Kabelnetzbetreibern starten jetzt auch mittelständische Kabelunternehmer wie Primacom oder Kabelcom Rheinhessen eine Offensive für die digitale Aufrüstung der Fernsehgeräte. Die Szene trifft sich morgen und übermorgen in Leipzig zu einem Kongress. Hier stellen Geräteaussteller die aktuellsten Digitalreceiver aus und zeigen in praktischen Übungen die Installation der Receiver.

Die Technologie-Schlacht um die Quoten der Zukunft ist in vollem Gange - und jeder versucht rechtzeitig, seine Claims abzustecken. Zum Beispiel die deutschen Kabelnetzbetreiber: Sie haben sich längst von den etablierten Pay-TV-Sendern wie Premiere unabhängig gemacht und versuchen, die alten Platzhirsche mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: Die Verbindung attraktiver Kinofilme mit Pay-TV soll Geld in die Kassen spülen - und Marktanteile sichern. Ish zum Beispiel fordert die Konkurrenz mit Pay-Per-View-Abrufen heraus, bezahlt wird nur das, was der Zuschauer sehen will: Arrivo für die Unterhaltung und xotix für die Erotik, so heißen die neuen Programme bei Ish. Mit Hilfe des Mobiltelefons lassen sich dort ganz einfach große Hollywood-Produktionen, auf den heimischen Bildschirm zaubern. Wird der Pay-TV Anbieter Premiere im Bereich Kino überflüssig? Helmut Thoma:

Na ja klar, ich halte ja Premiere für eine Übergangsentwicklung. Premiere wird überflüssig, wenn die großen privaten Kabelnetze selber ihr Programm ankaufen und organisieren. Da wird es zum Beispiel pay per view geben mit den großen Studios.

Doch während die einen noch über neue Übertragungswege, Reichweiten und Marktanteile streiten, gibt es anscheinend einen neuen Konkurrenten, nämlich DSL. Eine Gefahr ist DSL deshalb, weil es fast an jeder Telefondose zu empfangen ist. Medienkenner Werner Lauff meint:

Alle Kabelnetzbetreiber aus Deutschland kommen mit Sorgenfalten auf der Stirn zurück, wenn sie in Frankreich waren. Denn dort kann man 75 Fernsehprogramme auf dem Fernseher wohlgemerkt über DSL sehen. Und es funktioniert nicht nur einwandfrei sondern hat auch eine hervorragende Bildqualität. DSL wird sicher nicht nur Nahrungsergänzung im Fernsehen sein, sondern auch Nahrung demnächst. Das heißt wir kriegen eigentlich neben Satellit, Kabel und DVB-T ein viertes Rundfunknetz, das dann aber den Vorteil hat, alles zu können. Und über dieses Netz ist dann auch das so genannte Triple-play möglich, das heißt Internetzugang, Telefonie und Fernsehen. Denn in zwei dieser Bereiche sind DSL-Anbieter schon etabliert.

Auf welchem Wege das Programm den Zuschauer auch immer erreicht, ob digital, analog, über die Antenne, die Satellitenschüssel, oder die Telefon- oder Kabeldose - wichtig bleiben die Inhalte. Was bringt die Zukunft? Dazu noch einmal Werner Lauff:

Was es sicherlich nicht geben wird, ist eine totale Veränderung unseres Fernsehverhaltens. Wir werden nach wie vor ARD und ZDF und die privaten Sender sehen und mögen. Aber wir werden sicher bewusster fernsehen, etwas ergänzen dazu, wir werden auch mal etwas kaufen, wenn wir auf einen Knopf der Fernbedienung drücken. Das wird sicher behutsam und schrittweise zu einer Ergänzung führen, es wird immer noch Spaß machen und es wird immer noch Unterhaltung sein.

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