Pawlowsche Hunde und Freiberufler haben eine signifikante Gemeinsamkeit: Sie reagieren auf das Ertönen eines Klingelzeichens mit speichelbildenden Maßnahmen. Die Unterschiede sind nur gering. Hunde wissen: Jetzt wird Futter kommen, Freiberufler ahnen: Das könnte ein Auftrag sein. Hunde schließen auf Dosennahrung, Freiberufler auf das Ende derselben. Hunde nähern sich gelassen der Signalquelle, Freiberufler rasen dorthin.
An jenem Tag im November 2001 hatte bei mir - ich gehöre zur Gattung der Freiberufler, nicht der Hunde - der Pawlowsche Rechnungsstellungsreflex schon zweimal eingesetzt. Zweimal war ich hechelnd zum Laut gebenden Telefon geeilt und hatte, durch die einsetzende Flüssigkeitsentwicklung im Sprachbereich etwas eingeschränkt, meinen Namen und die Bereitschaft zu sofortiger Auftragsannahme artikuliert. Doch entsprach die in beiden Telefonaten in Aussicht gestellte Geldflussrichtung nicht dem Erhofften: Der erste Anrufer offerierte großherzig Optionsscheine für Kaffeexporte aus Puerto Rico und der zweite machte sich um die Welt verdient, indem er das überwältigende Gefriergut-Repertoire der Firma Bofrost pries.
Der dritte Anruf an diesem Tag, das verhieß das Gesetz der Serie, konnte nichts Besseres bringen. Und in der Tat klang dessen Inhalt ziemlich merkwürdig. Ein mir völlig unbekannter Mensch mit stark österreichischem Akzent berief sich auf einen anderen mir völlig unbekannten Menschen und behauptete, wohltäterisch mit dem Verlegen von Büchern beschäftigt zu sein. Nach zweimaliger tiefer Enttäuschung in Sachen Geldflussrichtung wartete ich auf den scheinbar unvermeidlichen Satz, die Aufnahme in die erlauchte Kaste der Publizisten sei gegen die Zahlung einer nur geringen sechsstelligen Summe problemlos möglich, doch er blieb sonderbarer Weise aus. Der Gesprächspartner, er gab sich als ein gewisser Oskar Mennel zu erkennen, drängte stattdessen darauf, ich sollte mich umgehend mit ihm und einem noch viel wichtigeren Menschen treffen.
Der noch viel wichtigere Mensch stellte sich als Jürgen Diessl vor. Seine Visitenkarte wies aus, dass er ein Büro im Frankfurter Mertonviertel besaß. Das kannte ich, denn auf der dorthin führenden Rosa-Luxemburg-Strasse war ich schon mal in eine Radarfalle geraten. Außerdem war Hochstapelei nun auszuschließen - wer in der Lurgiallee sitzt, macht, wenn überhaupt welche, dann seriöse Geschäfte. Ich beschloss, Vertrauen zu fassen und mit Eigenschaften um mich zu werfen, die verlässliche Autorenschaft signalisieren sollten. Nach anderthalb Stunden wurde mir schlagartig klar: Ich schreibe ein Buch. Vielleicht sogar zwei.
"Schreib doch ein Buch", hatte man mir schon seit langem gesagt. Doch frühere Versuche waren im sinnlosen Bedrucken von DIN A4-Papier verpufft. Niemand, aber auch wirklich niemand wollte meine Ausführungen zum Flugsimulator von Microsoft lesen und ebenso wenig schienen meine Abhandlungen über "Diese verrückten Russen" für die Nachwelt von Interesse, wohl weil Offenkundiges nicht noch des Setzens und Bindens bedurfte. Jetzt aber winkte ein Verlagsvertrag, bevor auch nur ein Wort in "Word" geschrieben war.
Wohlgemerkt: Wir waren mitten in der Zeit, als die mit Füllfederhalter geschriebenen Weihnachtskarten und hübschen Präsente, die man früher von Geschäftspartnern bekam, durch E-Mails ersetzt wurden, die uns, meist als Rundschreiben aufgesetzt, mehrsprachig, anredelos, geschlechtsneutral, Duz- und Siez-konform ("Ich / wir wünschen Dir / Euch / Ihnen"), oft aber ganz verbenlos, eingebettet zwischen "Enlarge your Penis" and "Buy viagra"-Mitteilungen in sieben Worten die ganze Herzlichkeit des Absenders spüren liessen. Ich habe Ende letzten Jahres, dies nebenbei, etwa 80 solcher festlichen E-Mails in meinem Postfach gehabt, davon enthielten 17 den Sobig-F-Wurm, zwölf leiteten mich auf ein und dieselbe Website weiter, auf der ein Pinguin unter dröhnendem Gekrächze meiner Laptop-Lautsprecher Gitarre spielt und neun machten mich am Schluss standardmäßig darauf aufmerksam, dass die Mitteilung über das bevorstehende Weihnachtsfest eine vertrauliche und nur für mich bestimmte Information sei.
Nein, so etwas gab es bei Jürgen Diessl nicht. Schon die Anrede "Verehrter Herr Lauff" erwärmte das Herz. Auch die Grußformel war ein Kunstwerk für sich. Mal hieß sie "Mit erlesenen Grüßen". War Diessl in Eile, wurde daraus nicht etwa "Grüße", sondern die längere Form "Mit schnellen aber erlesenen Grüßen". War er auch bei der nachfolgenden Mail noch in Eile, wählte er die tröstende Wendung "Mit schnellen aber unverändert erlesenen Grüßen". Und konnte er gar nicht antworten, schickte er trotzdem Grüße, nämlich "abwesende aber erlesene". Oft lieferte er noch kostenlos einen Wetterbericht dazu, so dass man sofort wusste, ob Frankfurt "sonnig" oder "verregnet" war. Wobei er den unliterarischen Namen Frankfurt vermied - da wurde dann schon mal "Bankfurt" oder "Mainhattan" draus.
Der Text zwischen Anrede und Schlussformel war meist von leicht ironischer Herzlichkeit geprägt. Beim Lesen merkte man: Der Mann ist ziemlich locker. Wie ich später erfuhr, bestanden seine Lockerungsübungen aus regelmäßigem Cocktail-Mixen. Wie regelmäßig, ist mir bis heute verborgen geblieben.
Eine Geschichte muss ich Jürgen Diessl noch auf den Weg geben. Sie passierte im Sommer 2003 in Südtirol. Es war ein heißer Tag, der nach einem Besuch des Freibads verlangte. Mein Blick fiel auf eine Familie, die sich neben mir auf einem riesigen Badetuch ausgebreitet hatte. Eine Frau, zwei Kinder und ein Mann, der eine Brille trug. Der Mann las ein Buch. Ich versuchte herauszufinden, war für ein Buch es war. Es war "Rede gut, alles gut". Es war mein Buch. Meins.
Ich räusperte mich. "Entschuldigen Sie", sagte ich, "Wie issn das Buch da?". Mein Herz raste. Jetzt kam der schicksalsschwere Moment. "So la la", könnte er sagen, oder "ein bisschen langweilig" oder gar "gefällt mir nicht". Er sagte: "Das Buch ist gut." Und seine Frau fügte hinzu: "Jede viertel Stunde liest er mir was daraus vor. Das ist lustig!"
So hat Jürgen Diessl mir ein Glücksgefühl in Südtirol beschert. Und er soll wissen: Das vergisst man nicht.