Werner Lauff
Konvergenz - Das Entwicklungs-Szenario
Vortrag bei den Münchener Medientagen am 18. Oktober 1999
 

Meine Damen und Herren,

die Organisatoren der Münchener Medientage haben für meinen Vortrag einen recht anspruchsvollen Titel gewählt. Ich soll in den nächsten 30 Minuten ein Entwicklungs-Szenario für Konvergenz beschreiben und gleichzeitig prognostizieren, wer gewinnen und wer verlieren wird.

Schon die Themen der einzelnen Podien am heutigen Nachmittag machen aber deutlich, daß wir es nicht mit nur einem Szenario und nur einer Art von Konvergenz zu tun haben werden.

Denn wenn es um drei Uhr um Endgeräte, um vier um Inhalte und um fünf um Netze geht, dann wird da keineswegs über "das" Endgerät, "den" Inhalt und "das" Netz diskutiert. Es geht vielmehr um unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Fälle, die zu ganz unterschiedlichen parallelen Entwicklungen führen werden.

Ich möchte versuchen, diese Unterschiedlichkeit etwas zu systematisieren. Ich werde drei Fallgruppen bilden und Ihnen aufzuzeigen, welche publizistischen und medienwirtschaftlichen Veränderungen sich aus diesen Entwicklungen ergeben.

Als Ansatzpunkt zur Katalogisierung wähle ich die Bandbreite. Ich sage: Es gibt nicht nur eine niedrige Bandbreite und eine hohe Bandbreite. Es gibt auch etwas mittendrin, und das nenne ich Pseudo-Bandbreite.

Ich nehme mal meine These vorweg: Niedrige Bandbreiten werden auf dem Fernseher nicht reüssieren. Aber hohe und Pseudo-Bandbreiten werden interessante Anwendungen hervorbringen.

I
Fangen wir mit der niedrigen Bandbreite an. In diese Gruppe fallen alle Bemühungen, Boxen einzuführen, die das Telefonnetz mit dem Fernsehapparat verbinden und damit das World Wide Web auf das TV-Gerät bringen.

Solche Boxen gibt es ja bereits. Und immer, wenn mal wieder eine neue auf den Markt kommt, gibt es wunderbare Meldungen auf den Wirtschaftsseiten, bei denen das Wort Konvergenz nicht fehlen darf.

Da braucht nur einer ein rechteckiges anthrazitfarbenes Kästchen zu präsentieren und zu behaupten, damit würden Fernsehen und Internet verschmelzen - und schon steigen die Aktienkurse. Aber nicht überall, wo Konvergenz draufsteht, ist Konvergenz drin.

Probieren Sie das mit den Web-Boxen einmal aus! Als erstes sollten Sie Ihre Couch drei Meter nach vorne rücken, denn fast kein Web-Angebot ist aus Fernsehentfernung nutzbar. Dann sollten Sie mal nachsehen, wie weit eigentlich Ihre Telefonsteckdose vom Fernsehgerät entfernt ist. Ich kann Ihnen behilflich sein: Durchschnittlich sind es in Deutschland sieben Meter - und zwei Wände. Nach Abschluß der verkabelungsbedingten Unfallversicherung sollten Sie dann mit Ihrem Lebenspartner vereinbaren, daß ab jetzt abends nicht mehr telefoniert wird, weil die Leitung besetzt ist. Als nächstes müssen Sie zur Bank, wegen des Kleinkredits in Sachen Telefongebühren. Und dann fangen Sie mal an - mit dem akrobatischen Scrollen in automatisch zerhackten Websites!

Nein, das intensive Surfen im World Wide Web ist etwas für den PC, nicht für den Fernseher. Es fehlt im Wohnzimmer ja bereits an der Peripherie. Außerdem ist bislang kaum ein Web-Angebot fürs TV-Gerät optimiert. Oszillierende Farben, zu kleine Schriften, zu hohe Auflösung. Der einzige, der daran Vergnügen hat, ist Ihr Augenarzt. Mehr als die Hälfte der weltweit verkauften Web-Boxen steht daher heute wegen erwiesener Nutzlosigkeit im Schrank.

Ich sage: Alle Versuche, den Fernseher als Monitor fürs unveränderte Web zu verwenden, werden scheitern. Es braucht weit mehr als ein rechteckiges antrazitfarbenes Kästchen, um ein neues Medium zu schaffen.

II
Kommen wir daher schnell zur zweiten Fallgruppe. Es ist dies der Bereich der Pseudo-Bandbreite.

Das Wort ist neu, es ist provokativ und es wird vermutlich Anlaß zur Diskussion geben. Das ist ganz prima für ein Eingangsreferat.

Wie entsteht Pseudo-Bandbreite? Die Antwort ist einfach: Sie entsteht, wenn zwar genug Bandbreite zum Senden da ist, diese Bandbreite aber unter vielen Empfängern aufgeteilt werden muß.

Und das ist insbesondere dann der Fall, wenn der Satellit eingesetzt wird, wenn terrestrisch digital übertragen wird oder wenn Kabelnetze verwendet werden, die nicht aufgerüstet sind. Das entscheidende Stichwort heißt in allen drei Fällen: "Clustergröße". Wenn sie zu hoch ist, wenn also Inhalte nicht wirklich individuell zugespielt werden können, wird echte Interaktivität unmöglich. Dienste, die diese drei Übertragungswege nutzen, sind daher im Ergebnis Broadcast-Dienste.

Es kommt also auf die Zahl der Teilnehmer an, die an einem Sendestrang hängen. Die Tatsache, daß nicht aufgerüstete Kabelnetze oder der Satellit noch nicht rückkanalfähig sind, ist demgegenüber gar nicht so bedeutsam. Denn zum einen kann man diese Rückkanalfähigkeit ja herstellen, und zwar selbst beim Satelliten, wenn auch mit hohem Aufwand. Und zum anderen steht letztlich immer noch das Telefonnetz zur Verfügung, freilich mit allen bereits dargestellten Nachteilen.

Wir reden hier - dies sei vorweggenommen - nicht über Zwischenstadien. Der Bereich, den ich Pseudo-Bandbreiten-Bereich nenne, wird auf lange Zeit noch eine große Bedeutung haben. Denn wir alle wissen, daß es noch Jahre dauert, bis die Aufrüstung der Kabelnetze abgeschlossen sein wird - und auch die Verbreitung von ADSL wird nur mit gemächlichem Tempo erfolgen. Bisher sind weniger als ein Prozent der Haushalte mit einem multimediafähigen Breitbandnetz verbunden. Und selbst wenn am Tag X Millionen von Menschen an aufgerüsteten Netzen hängen, wird es immer noch andere Millionen von Menschen geben, die nicht daran hängen und nach wie vor nur begrenzt interaktiv werden können.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet gilt für die Entwicklung von morgen ebenso wie für die Veranstaltung von heute folgender Leitsatz: Es geht nicht um einen Wettlauf der Systeme, sondern um die parallele Einführung zweier unterschiedlicher Arten von Konvergenz, die beide lange Zeit, wenn nicht sogar für immer, koexistieren werden.

Ich sehe in der Kategorie "Pseudo-Bandbreite" im wesentlichen folgende beiden Anwendungsgebiete:

- Erstens: Die Ausstrahlung von Daten "im Karrussel".

- Zweitens: Die Zwischenspeicherung von Daten auf lokalen Festplatten.

Zum ersten: Sie wissen, daß zur Zeit im "Hyperband" sogenannte Multimediakanäle im Sonderkanal 38 vergeben werden. Wir gehen davon aus, daß die Bertelsmann Broadband Group zwei solcher Kanäle mit einer Gesamtbandbreite von 8 MHz bekommt. Damit lassen sich rund rund 11 Mio. Haushalte der Netzebene 4 erreichen, freilich nur, wenn sie das grundverschlüsselte Digitalpaket mit einer geeigneten Set Top Box empfangen, womit sich die Haushaltszahl zur Zeit dann auch sofort wieder auf eine Million reduziert.

Die Angebote werden in der gleichen Technik vorwärts ausgestrahlt wie die TV-Programme. Es handelt sich dabei - technisch gesprochen - um Datenströme, wie wir sie in der analogen Fernsehtechnik beim Videotext vorfinden.

Alle Inhalte werden in der Art eines Karussels in zyklischer Wiederholung verbreitet. Der Nutzer wählt auf der Grundlage von Bildschirm-Menüs die Inhalte aus, die er empfangen möchte. Sobald die ausgewählte Information an seiner Set Top Box "vorbeikommt", wird der Inhalt auf dem TV-Bildschirm sichtbar. Bei der Gestaltung der Inhalte und Services stehen neben Text und Graphik zur Bebilderung Standbilder und kurze Video-Sequenzen zur Verfügung. Ziel muß es dabei jedoch sein, die Wartezeit für den Nutzer jeweils auf ein vertretbares Minimum zu beschränken.

Die Applikationen können als "enhanced television" das Fernsehprogramm begleiten (Statistiken, Hintergrundinformationen zur Sendung) oder eigenständige Programmangebote darstellen. Die so ausgestrahlten Mediendienste können aktive Programmanteile enthalten, mit denen der Nutzer auf Fernbedienungs-Click das in die Box eingebaute Modem aktiviert. Ist das Modem mit der Telefon-Dose im Haushalt verbunden, übermittelt der Nutzer z.B. Bestellungen, Quiz-Antworten etc. zurück an den Sender oder ruft Kontoinformationen ab.

Wenngleich die Bertelsmann Broadband Group derartige Dienste veranstalten wird, ist doch klar, daß nicht nur die Reichweite, sondern auch der Nutzen für den Zuschauer begrenzt ist. Gegenüber dem, was er aus dem Internet kennt, bleiben solche Angebote deutlich zurück.

Interessanter wird es bereits, wenn die Set Top Box über eine Festplatte mit hoher Kapazität verfügt.

Dann ist es zum einen möglich, Live-Fernsehsendungen nach dem Prinzip von Tivo und Replay aufzuzeichnen und zeitversetzt, sogar auch zeitgerafft, anzuschauen. Ich glaube, daß diese Technik in Europa noch unterschätzt wird. In den USA haben diese "Videorecorder ohne Bänder" trotz ihrer Nachteile - man kann keine Kassetten archivieren oder abspielen - großen Erfolg. Wer in Europa zur Zeit eine Set Top Box baut, wird gut daran tun, über die Einbeziehung einer solchen Funktionalität nachzudenken.

Festplatten ermöglichen aber zum anderen auch, Multimedia-Anwendungen an alle zu übertragen, so daß die Daten nach Abschluß der Übertragung lokal zur Verfügung stehen und dort abgerufen werden können. Dies halte ich nicht nur für den Business-Bereich für interessant, sondern auch für Musik, Information, Spiele und jede Art sonstiger Unterhaltung. Wir haben solche Applikationen in Zusammenarbeit mit Intel bei uns im Showroom in Hamburg gezeigt.

Beide Wege sind interessante Ansätze. Ob sie zu Massenprodukten werden, hängt nicht nur vom Marketing und den Inhalten, sondern auch von den Boxen ab. Die ideale Box kann Digitalfernsehen empfangen, das Fernsehbild mit HTML kombinieren, Daten auf einer großen Festplatte aufzeichnen, Internet-Seiten für den Bildschirm umsetzen, DVDs abspielen und sowohl an schmal- wie auch an breitbandige Netze angeschlossen werden. Dies ist längst keine Dream-Machine mehr; solche Geräte sind bereits bei uns im Test.

Noch einmal: In beiden Fällen handelt es sich um Broadcast, sieht für den Teilnehmer aber wie eine Punkt-zu-Punkt-Übertragung aus.

Wenn ich "Broadcast" sage, meine ich übrigens nicht "Rundfunk" im Rechtssinne. Was von den neuen Broadcast-Diensten "Rundfunk" ist und was nicht, wird man sicher noch lange kontrovers diskutieren.

Wer also glaubt, die Verwendung breitbandiger Kanäle führe stets zu grandioser Interaktivität und ermögliche die individuelle Übertragung bildschirmfüllender Bewegtbilder, der irrt.

III
Das ist noch nicht einmal bei der dritten Fallgruppe so, bei echter Punkt-zu-Punkt-Übertragung, die entweder ADSL oder ein aufgerüstetes, rückkanalfähiges, mit niedrigen Clustergrößen versehenes Kabelnetz erfordert.

Denn: Nur die letzte Meile wird breitbandig, also das Stück Kabel zwischen dem Endteilnehmer und der Kabelkopfstation (beim Kabel) oder der Ortsvermittlungsstelle (bei ADSL). Daher gibt es auch zwei ganz unterschiedliche Anwendungsgebiete für Punkt-zu-Punkt-Übertragungen.

Das erste Anwendungsgebiet ist dadurch gekennzeichnet, daß man dem Teilnehmer Internet-Zugang anbietet, also im wesentlichen -von lokalen Portals abgesehen - die letzte Meile mit dem Internet verbindet.

Dies hat nun ohne Zweifel bereits große Vorteile. Die Daten kommen schneller herein, insbesondere, wenn sie auf einem Proxy-Server liegen. Außerdem ist die Verbindung "always on", muß also nicht jedesmal neu aufgebaut werden.

Freilich muß auch ein Gelegenheitssurfer oder jemand, der überwiegend Mail oder Chat nutzt, also wenig bandbreitenintensive Anwendungen, noch einen hohen Preis für diese Art der Internet-Connectivity zahlen. Die Obergrenze haben zur Zeit wohl die Telekom und T-Online definiert. Sie verlangen immerhin 2.400 DM jährlich nur an laufenden Gebühren für lediglich 768 Kbit pro Sekunde, von einer zusätzlichen Zeitbegrenzung, hohen Installationskosten und der Zwangskoppelung mit ISDN einmal ganz abgesehen. Ein solches Angebot läßt die neuen Techniken fast wieder ins Leere laufen. Dies wird im und durch das Kabel sicherlich preisgünstiger werden.

Aber für datenintensive Angebote wie Musikdownload oder das Abrufen von Videoclips stößt man relativ rasch wieder an die Grenzen, die das Internet selbst mit sich bringt, das letztlich ein Sammelsurium aus Autobahnen und Feldwegen ist. Es wird daher noch sehr viele Jahre dauern, bis ein bildschirmfüllendes Video in Fernsehqualität in Echtzeit über das Internet transportiert werden kann, egal, ob von Boston nach Sydney oder von Unterföhring nach Haidhausen.

Mit Konvergenz hat dies daher auch recht wenig zu tun. Das Endgerät für schnellen Internet-Zugang wird im wesentlichen der PC sein. Funktionen des Fernsehens -zum Beispiel das Genießen von Spielfilmen oder Shows -werden sich nicht auf den PC übertragen lassen. Also: Dies ist eine interessante Nutzung der neuen Netze und sowohl Bertelsmann wie auch AOL werden hier für Kabelgesellschaften und Endkunden Angebote unterbreiten. Aber das Endgerät Fernsehen bleibt durch diese Entwicklungen weitgehend unberührt.

Das ist ganz anders bei der zweiten großen Nutzungsart der interaktiven Netze, bei denen Videoserver in den Kabelkopfstationen oder Ortsvermittlungsstellen stehen, die ein neues Produkt bereithalten: interaktives Fernsehen.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie betreten abends um zehn nach neun ihr Wohnzimmer und schalten Ihren Fernseher und Ihre Set Top Box ein. Und dann wählen Sie, wann immer Sie wollen, beispielsweise einen Spielfilm aus, stellen sich Ihre Musikvideos zusammen, schauen in den Science-Fiction-, den Gesundheits-, den Reise- oder den Erotikbereich und erhalten Sekunden später den Film, das Video oder die Musik Ihrer Wahl. Das sieht genau so aus wie Fernsehen, funktioniert aber wie das Internet. Und da eine Internet-Verbindung gleich dahinterliegt, können Sie aktuelle Informationen parallel zum Bild bekommen, eine Reise buchen, eine Bestellung aufgeben oder auch Ihre Mail abrufen, wenn ein Briefsymbol auf dem Fernseher erscheint und Ihnen signalisiert, daß Sie soeben Post bekommen haben.

Das -und nur das -ist nach meiner Meinung echte Konvergenz.

Ganz neue Fernsehformate werden entstehen, gegen die das Anschauen eines Autorennens aus acht Perspektiven vorsintflutlich erscheinen wird. Dies ist aber auch ein zweiter Vertriebsweg für Fernsehsender, Produktionsfirmen, Videoproduzenten, Plattenfirmen und alle, die über Bewegtbilder oder hochwertige Tonträger verfügen und sie bisher über traditionelle Wege verbreitet haben. Und es ist eine große Chance, endlich Spartenkanäle (z.B. Kochen, Golf, Erotik, Natur) zu schaffen, für die es bislang keine Frequenzen gab oder die eine zu geringe Reichweite erzielen, um 24 Stunden Programm finanzieren zu können.

Dies ist auch eine große Möglichkeit für die Werbung treibende Wirtschaft. Wahrscheinlich ist es sogar der endgültige Durchbruch für E-Commerce. Links ein Glas Rotwein, rechts die Käseecken und in der Mitte die Fernbedienung, die es ermöglicht, mit einem Knopfdruck zu bestellen, was auf dem Bildschirm angeboten wird. Sie brauchen noch nicht mal aufzustehen, geschweige denn, eine Rufnummer zu wählen oder gar das Wohnzimmer zu verlassen, um den PC anzuwerfen.

Das Ganze ist aufwendig. Server müssen in jeder Kabelkopfstation oder Ortsvermittlungsstelle installiert werden. Ein Overlay-Netz muß die Server miteinander verbinden. Und auch der Personalaufwand ist nicht gering. Denn, damit eines klar ist: Dies ist kein Archivsystem und keine Suchmaschine. Es reicht nicht aus, dem Nutzer nur ein Regal zu bieten, aus dem er sich Videos herausfischen kann. Dieses Produkt muß vielmehr von einer qualifizierten Redaktion Tag für Tag neu gestaltet werden.

Deutlicher: Dieses neue Medium kann nur Erfolg haben, wenn es einfach ist und wenn es "Fernsehen" ist. Es muß aussehen wie Fernsehen, bedient werden wie Fernsehen, redaktionell gestaltet werden wie Fernsehen und so viel Spaß machen wie Fernsehen.

Meine Damen und Herren,

die Bertelsmann Broadband Group ist eines der ersten Unternehmen weltweit, das die neuen Möglichkeiten konsequent in ein Konzept umgesetzt hat.

Wir haben in unserem Showroom in Hamburg am Millerntorplatz 1, über den Dächern der Reeperbahn, also mitten im Entertainment-Viertel, unter realistischen Bedingungen gezeigt, wie interaktives Fernsehen aussehen kann.

Die Reaktion nahezu aller Besucher war überwältigend. Ob Fernsehsender oder TV-Produzenten, ob Netzbetreiber oder Endgerätehersteller, ob Werbung treibende Unternehmen oder Agenturen, ob Verlage oder Journalisten -wir hörten immer die gleiche Reaktion. Sie lautete: "Dies ist in der Tat ein gewaltiger Schritt nach vorn." - Wer die Berichterstattung über die Broadband Group in der Presse verfolgt hat, wird bezeugen können: Wohl selten hat ein Konzept bei Journalisten eine solche Sympathie erfahren wie dies bei uns der Fall war.

Aber es ging im Showroom natürlich nicht nur um "fishing for compliments", obwohl die uns sehr gut getan haben. Es ging auch um konkrete Kooperationen und Allianzen.

Wir haben sehr früh darauf hingewiesen, daß Netzbetreiber, Inhalteanbieter und Endgerätehersteller jeweils allein nur sehr wenig bewirken können. Stattdessen ist eine enge Abstimmung erforderlich. Nur wenn wir eine gemeinsame Vision haben und uns auf gemeinsame Standards und ein gemeinsames Timing verständigen, dann kann ein solches Vorhaben gelingen. Wir haben gesagt: "Wir brauchen eine Breitband-Allianz."

Auch diesem Ziel sind wir sehr viel näher gekommen. Simone Debour, Michael Schacht und Hardy Heine haben im Showroom die Spitzen ihrer jeweiligen Branchen -Inhalte, Unterhaltungselektronik und Netze - zu Gast gehabt. Allen Beteiligten ist klar geworden: Dieses Thema hat eine riesige publizistische und wirtschaftliche Dimension. Und es lohnt sich, daran frühzeitig mitzuwirken.

Unsere Partnerschaften im Bereich der Netze konnten wir in diesen Tagen vereinbaren. Wir werden morgen in einem Pressegespräch um 12:45 Uhr bekanntgeben,

- mit welchen Kabelgesellschaften wir in der Pilotphase zusammenarbeiten und

- in welchen Städten wir das interaktive Fernsehen ausprobieren werden.

Dies ist - so viel kann ich heute schon verraten - nicht nur Köln, wo wir ja sehr früh bereits eine Partnerschaft mit Netcologne vereinbart hatten und wo daher auch der Startschuß fallen wird.

Über weitere Partnerschaften in den Bereichen Inhalte und Unterhaltungsindustrie werden wir in den kommenden Wochen sukzessive berichten.

Gleichwohl sind wir weit davon entfernt, zu behaupten, alles sei schon in trockenen Tüchern. Es gibt weltweit kaum Erfahrungen mit interaktivem Fernsehen, und wenn ja, dann meist solche, die lange zurückliegen und auf die heutige Zeit der Digitaltechnik und des Internet-Protokolls nicht mehr übertragbar sind.

Wir leisten Pionierarbeit. Und dabei lernen wir täglich hinzu. Es ist ja nicht so, daß wir ein fertiges Konzept umsetzen. Im Gegenteil: Vor ein paar Monaten waren wir noch unsicher, ob sich unsere Ideen überhaupt verwirklichen lassen. Dann kamen Stück für Stück die Mosaiksteinchen zusammen. Und so langsam wird unser Projekt eine "self-fulfilling prophecy".

Anders gesagt: Vor fünf Monaten wußten wir noch nicht, daß es einen Studiengang "Interaktives Fernsehen" gibt - und nun sind wir schon zum Examen zugelassen.

Parallel wird in verschiedenen Ecken der Welt ganz kräftig an interaktiven Diensten gearbeitet. Ob Intertainer in den USA, Videonet in London oder die Telekom von Hongkong - an vielen Orten werden unsere Visionen geteilt. Und überall werden Netze aufgerüstet, Allianzen gebildet und Kabelanschlüsse im Hinblick auf die neue interaktive Welt zu horrenden Preisen ge- und verkauft.

Wo wir gerade davon sprechen: Der derzeitige Verkaufsprozeß der Kabelnetze der Deutschen Telekom macht uns Mut, erstaunt uns aber zugleich.

Mut, weil inzwischen festzustehen scheint, daß die Aufrüstung der Kabelnetze jetzt endlich erfolgen kann. Dies ist überfällig. Die Telekom hatte ja die Hände in den Schoß gelegt, vermutlich aus Angst, daß sie das Netz kostspielig aufrüstet und danach doch anläßlich irgendeines Fusionsvorhabens die Auflage der EG-Kommission bekommt, das Netz zu verkaufen, was so schöne Buchgewinne wie jetzt natürlich unmöglich gemacht hätte.

Erstaunen verursacht allerdings die Tatsache, daß es bei diesem Verkauf offenbar nur noch um viel, viel Geld geht und nicht mehr um Konzepte. Wenn es denn stimmt, daß die meisten deutschen Bieter bereits vom weiteren Verfahren ausgeschlossen wurden, ohne daß sie auch nur in die Nähe einer due diligence im ominösen "Datenraum" gekommen sind, dann ist dies schon ein bemerkenswerter Vorgang. Jetzt sind - mit wenigen Ausnahmen - fast nur noch ausländische Bieter im Spiel, von denen einige vor allem strategische Interessen verfolgen, wobei es teils um die Durchsetzung der eigenen Endgerätetechnologie, manchmal auch nur um die Erzielung von Skaleneffekten geht.

Ob dies dazu beiträgt, daß sich das Kabelnetz in Deutschland rasch zu einer leistungsfähigen und offenen Plattform für vielfältige breitbandige Dienste entwickelt, wage ich zu bezweifeln. Denn letztlich geht es nicht allein darum, wer die Netzebene 3 besitzt. Spätestens am Tag nach dem Kabelverkauf muß der Abstimmungsprozeß mit den - in der Diskussion derzeit arg vernachlässigten - Eigentümern der Netzebene 4 und mit der Wohnungswirtschaft beginnen, also jenen, die Zugang zum Teilnehmer haben. Und dann muß ein für alle Beteiligten attraktives Gesamtmodell her.

Ich glaube, vielen ist noch gar nicht klar, daß da soeben grundlegende Weichenstellungen für die Kommunikationsinfrastruktur in Deutschland gestellt werden. Das Gleiche gilt für die medienpolitischen Veränderungen, die durch die Aufrüstung der Netze entstehen.

Ich hatte vor kurzem führende Mitglieder der Rundfunkkommission der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Rundfunk zu Gast. Nach Besichtigung unseres Showrooms war man sich sehr schnell einig, daß interaktive Fernsehdienste nicht zu einer Erweiterung des Aufgabenspektrums der Landesmedienanstalten führen. Denn der Frequenzmangel fällt durch die Aufrüstung der Netze praktisch weg - es gilt also nicht mehr, ein knappes Gut zu verwalten. Außerdem ist Fernsehen, das zwar wie Fernsehen aussieht, aber wie das Internet funktioniert, rechtlich kein Rundfunk mehr, sondern Individualkommunikation. Es gelten die allgemeinen Gesetze, aber mehr auch nicht.

Nunmehr sind die Kabelgesellschaften - von wenigen Regeln abgesehen - zumindest in rundfunkrechtlicher Hinsicht frei, was sie über ihre Netze verbreiten und was nicht. Jedenfalls beginnt jetzt die große Zeit der Kabelgesellschaften. Sie wandeln sich zum Gatekeeper. Und damit überlegen sie natürlich, wie sie ihren Anteil an der Wertschöpfung vergrößern können.

Man muß dies zunächst einmal wertfrei registrieren. In der Tat investieren die Kabelbetreiber ja massiv in die Netze, in ihren Erwerb ebenso wie in ihre Aufrüstung. Natürlich muß dies refinanziert werden. Aber das führt eben auch zu permanentem Verhandlungsbedarf mit vielen, wahrscheinlich unterschiedlichen Kabelunternehmen. Dagegen mag der vielfach als zu beschwerlich kritisierte Gang zu mehreren Landesmedienanstalten am Ende sogar ein gemütlicher Frühlingsspaziergang gewesen sein. Die Netzmarketing-Gesellschaft ist insofern ein begrüßenswerter Ansatzpunkt.

Der zweite politische Effekt der Netzaufrüstung ist, daß die Regulierung des Marktes durch Landesregierungen und Landesmedienbehörden jetzt kaum noch möglich ist. So enthalten beispielsweise einige Landesrundfunkgesetze keine rechtliche Grundlage für lokales Fernsehen. Der Grund war, daß man entweder die lokalen Tageszeitungen oder den lokalen Hörfunk - in der Regel beide - vor zusätzlicher Konkurrenz in ohnehin eng begrenzten örtlichen Werbemärkten schützen wollte. Diese Zielsetzung war auch durchaus von der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts abgedeckt, denn das Gericht hatte mehrfach betont, der Gesetzgeber müsse eine Rundfunkordnung schaffen, die auch funktionsfähig sei und das wirtschaftliche Überleben der Akteure zumindest möglich mache.

Mit solchen Schutzzonen ist es nun vorbei. Damit fällt auch die Filterfunktion der Landesmedienbehörden weg, die ja - angesichts der Kanalknappheit - immer wieder dazu geführt hatte, daß inländische Anbieter bevorzugt wurden und verschiedene Konkurrenten zu einer Veranstaltergemeinschaft zusammengebracht wurden. Es führte auch zu der merkwürdigen Situation, daß oftmals Marktgesichtspunkte in den Hintergrund gerückt wurden: Bei terrestrischen Frequenzen spielte Ansiedlungspolitik eine große Rolle, nach dem Motto: Cuius regio eius radio. Und bei Fernsehfrequenzen wurden den Sendern regionale und kulturelle Fensterprogramme aufgedrückt, was ganze Heerscharen von Anwälten beschäftigte.

Zwar wird sich daran hinsichtlich des traditionellen Rundfunkbereichs nicht viel ändern; für den neuen Bereich der Nicht-Rundfunk-Dienste fällt all dies aber weg. Und nun kann man lange darüber diskutieren, was von all diesen Maßnahmen eigentlich störend und was hilfreich war.

Meine Damen und Herren,

Sie sehen: Es wird ganz unterschiedliche Formen von neuen Diensten geben. Das Spektrum reicht vom Datenkarrussel über Point-to-Multipoint-Anwendungen bis hin zur echten Interaktion nach dem Punkt-zu-Punkt-Prinzip. Dabei ändert sich viel.

Rechtlich gesehen nimmt die Kompetenz der Landesmedienanstalten dramatisch ab, die der Kabelgesellschaften ebenso dramatisch zu.

Wirtschaftlich gesehen entstehen durch Konvergenz völlig neue Märkte. Die klassische Fernsehwerbung ohne die Möglichkeiten, auf einfache Weise zielgruppenspezifisch zu werben, in die Tiefe zu gehen und direkten Response vom Konsumenten zu erhalten, wird uns in einigen Jahren - trotz ihrer unveränderten Existenz - ziemlich vorsintflutlich vorkommen. E-Commerce wird erstmals auf den Fernseher kommen und damit wirklich populär werden. Und die Wertschöpfungsketten verändern sich. Es gibt künftig direkte Kundenkontakte von Produzenten, Filmstudios und Videoverleihern. Damit büßt der klassische Fernsehsender einen Teil seiner Funktionen ein.

Publizistisch gesehen entsteht etwas völlig Neues. Natürlich wird es immer Free TV und Pay TV geben - nicht jeder Zuschauer wird nur noch interaktiv sein wollen. Zurücklehnen und nichts tun wird nicht durch wildes Klicken mit der Fernbedienung abgelöst werden. Aber ebenso wie ein Zuschauer ja auch ans Kiosk geht und sich Zeitschriften kauft, die seine Interessen abdecken, wird er künftig immer häufiger sein Fernsehprogramm nach ähnlichen Kriterien zusammenstellen.

Dies ist zumindest unsere These. Die Bertelsmann Broadband Group wird in einigen Monaten ausprobieren, ob sie auch stimmt.

Ich höre viele, die sagen, na, das wollen wir doch mal sehen. Das wollen die Leute doch gar nicht. Die sind doch faul, die wollen gar nichts Neues haben. Darüber handelt er nächste Vortrag.

Ich glaube, da haben wir wieder einmal das Henne und Ei-Prinzip. Ohne Angebote wird sich auch nichts bewegen. Mir fällt dazu zum Schluß eine kleine Geschichte ein:

Ein deutscher und ein amerikanischer Schuhverkäufer reisten einst auf eine einsame Insel. Dort stellten sie sofort nach Ankunft fest, daß die Eingeborenen barfuß waren. Der Deutsche schickte die Nachricht nach Hause: "Hier trägt keiner Schuhe. Komme zurück." Der Amerikaner hingegen meldete: "Hier trägt keiner Schuhe. Der Markt ist weit offen".

Manchmal, meine Damen und Herren, muß man ein wenig amerikanisch sein.

Vielen Dank!