Werner Lauff
Fernsehmarkt im Umbruch: Die deutsche Entwicklung
Rahmenbedingungen, Technologien und Potenziale
Vortrag bei der Fachtagung "Fernsehmarkt im Umbruch - Digitalisierung, Spartenkanäle und die Zukunft der TV-Vollprogramme" der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien in Kooperation mit dem Adolf-Grimme-Institut am 21. September 2005 in München
 

Herr Professor Ring, Herr Clobes,
meine Damen und Herren,

wir haben gerade einen eindrucksvollen Bericht über das digitale Fernsehen in Großbritannien gehört. Doch auch in Deutschland ist viel geschehen. Ich will zunächst rekapitulieren, was bis dato erreicht ist.

Erreichtes
Erstens. Wir haben in Deutschland mit rund 56 Prozent einen hohen Marktanteil des TV-Kabels. Damit steht in mehr als der Hälfte aller Haushalte ein leistungsfähiges Netz zur Verfügung, das Broadcast- und Punkt-zu-Punkt-fähig ist. Anders als etwa England und Frankreich können wir damit eine Infrastruktur nutzen, die den Wettbewerb bei Telefonie, Datenübertragung, dem Transport von Fernsehprogrammen und interaktiven TV-Diensten wirkungsvoll erhöht. Aufgrund der hohen Penetration des Kabels können auch relativ schnell durch netzseitige Maßnahmen Massenmärkte entstehen, ohne dass die Konsumenten zum Netzwechsel oder größeren Installationsarbeiten veranlasst werden müssten. Die bestehenden Kundenbeziehungen, kombiniert mit einem beachtlichen Außendienst, stellen zudem ein großes Potential dar.

Zweitens. Die Satellitenbetreiber, die Deutschland versorgen, haben durch die Digitalisierung ihrer Kanäle frühzeitig zum Ausbau programmlicher Vielfalt beigetragen. Dabei sind sie inhaltlich neutral geblieben. Daher sind sie heute auch nicht nur endkundenorientiert, sondern zugleich unverzichtbarer, akzeptierter Partner der Kabelnetze und nehmen ihnen gegenüber eine wichtige Rolle als Zulieferer und Packetierer von Fernsehprogrammen wahr.

Drittens. Die Landesmedienanstalten und die Länderparlamente haben, unterstützt durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, seit der Einführung von Kabel und Satellit in Deutschland konsequent darauf gesetzt, ein möglichst umfassendes Gesamtangebot an frei empfangbaren Fernsehsendern zu schaffen. Deutschland ist ein Free-TV-Land. Die Kehrseite der Medaille war, dass Pay-TV-Anbieter es hierzulande sehr viel schwerer hatten als in England und Frankreich, wo sie als Erlöser von Langeweile sehnsüchtig erwartet wurden und hochwillkommen waren.

Diese drei vielleicht wichtigsten Punkte der deutschen Fernsehbilanz, die ich gerade aufgezählt habe, benennen zugleich die größten Unterschiede zu anderen Systemen, in denen sich dominante kommerzielle Plattformanbieter durchsetzen konnten und der Wettbewerb der Netze sowie ihre Kooperation untereinander weit weniger entwickelt ist. Und ich meine, dass bereits diese Punkte den manchmal so faszinierten Blick ins benachbarte Ausland relativieren sollten. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass wir sie nur als Basis verstehen, auf der wir weiter aufbauen.

Aufbauarbeiten
Solche Aufbauarbeiten haben ohne Zweifel stattgefunden.

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben früh damit begonnen, ergänzende digitale Fernsehbouquets über Satellit und Kabel auszustrahlen.

Die großen Kabelnetzbetreiber, bei weitem übrigens nicht nur Kabel Deutschland, ish, iesy und KabelBW, sondern zum Beispiel auch ewt, Tele Columbus sowie die im Verband FRK zusammengeschlossenen Unternehmen, haben damit begonnen, digitale Programmpakete anzubieten, fremd- wie deutschsprachige.

Die Aufrüstung der Kabelnetze im Sinne der Erweiterung des Frequenzspektrums, der Einrichtung von Rückkanälen und der Reduzierung der Clustergrößen geht voran. Immer öfter sind Kabelnetzbetreiber Triple Play-Anbieter und offerieren neben zahlreichen zusätzlichen Fernsehprogrammen auch Internet-Zugang und Telefonie.

Die Satellitenbetreiber erweisen sich als bemerkenswert innovativ. Sie haben, trotz begrenzter technischer Möglichkeiten, Breitband-Internet über Satellit eingeführt. Ihre Marketingkampagnen haben bewirkt, dass neue Satellitennutzer praktisch nur noch digitale Receiver kaufen. Nun fördern die Satellitenbetreiber die Einführung von HDTV und nehmen dabei faktisch eine Schrittmacherrolle wahr. Natürlich auch aus Eigeninteresse, denn HDTV erhöht den Bandbreitenbedarf und damit die Einnahmen der Satellitenbetreiber aus der Kanalverpachtung - aber genau dies kennzeichnet einen funktionierenden Medienmarkt, dass man Interessen von Netzen mit denen von Inhalteanbietern, Endgeräteherstellern und Rezipienten zur Deckung bringt.

Die Liberalisierung des Telekommunikationsmarkts ist hierzulande weit fortgeschritten. Wir haben niedrige call by call-Tarife als viele andere Länder. Beim Internet-Zugang über DSL haben wir mit Resale- und line sharing-Modellen dazu beigetragen, dass DSL-Zugang zum Internet schneller und preisgünstiger geworden ist.

Dieser Wettbewerb hat die Bandbreitensteigerung bei DSL beflügelt. Wer heute einen Breitband-Anschluss bestellt, wählt in der Regel eine Downloadgeschwindigkeit von mindestens zwei, vielfach sechs, vereinzelt bereits zwölf Megabit pro Sekunde. Die T-Com will bis zu 50 Megabit pro Sekunde bereitstellen. Dies führt dazu, dass wir nun technisch über die Möglichkeit verfügen, DSL in immer mehr Haushalten als Broadcast-Netz für lineare digitale Fernsehprogramme einzusetzen - und das geht weit über die bisherige Nutzung zur Punkt-zur-Punkt-Videoübertragung hinaus. Dies ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal: In Frankreich gibt es bereits 75 Free- und Pay-TV-Programme über DSL und auch in England hat Homechoice diesen Übertragungsweg früh, wenn auch mühsam, erschlossen. Auch ist die Breitbandpenetration in manchen Ländern, insbesondere im Fernen Osten, viel höher. Deutschland startete insofern aber aus einer technisch und rechtlich schlechteren Ausgangsposition und holt nun massiv auf.

Im Internet gibt es daher inzwischen immer mehr Bewegtbildangebote. Viele Fernsehprogramme sind heute auch über das Internet empfangbar. Zahlreiche Anbieter stellen Videos on Demand zur Verfügung. Auch die Kombination des DSL-Netzes mit den herkömmlichen Fernsehnetzen in Form hybrider Boxen ist, wenn auch noch in den Anfängen und zu hohen Endgerätepreisen, inzwischen eingeführt. Damit erschließen sich Möglichkeiten, die weit über die bisherige Interaktivität in unseren Nachbarländern hinausgehen, insbesondere die ja bereits früh von Bertelsmann geplante Integration des linearen mit dem nicht-linearen Fernsehen, also der traditionellen Programme mit individuellen Zusatzangeboten, wohlgemerkt nicht am PC, sondern am Fernseher im Wohnzimmer.

Aber auch ohne hybride Boxen und ohne Aufrüstung der Kabelnetze gibt es erste Ansätze, interaktive Dienste einzuführen. Joca, Betty und der geplante Bluetooth-Dienst der SES Astra sind Beispiele dafür. Der Unterschied zu bisherigen Versuchen ist der, dass nun etablierte Fernsehsender sowie große Werbung Treibende mitziehen.

Die Einführung des digitalen terrestrischen Fernsehens DVB-T darf in der Liste des Erreichten natürlich nicht fehlen. Den Landesmedienanstalten insbesondere in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Bayern ist es auf bemerkenswerte Weise gelungen, diese Einführung koordiniert und ohne größere Auseinandersetzungen zu bewältigen, ja sogar die analogen terrestrischen Kanäle ohne nennenswerte Proteste abzuschalten.

Die Aufzählung wäre unvollständig, wenn wir DVB-H und DMB, also Fernsehen auf mobilen Endgeräten sowie die Fortschritte bei der mobilen Punkt-Zu-Punkt-Übertragung von Bewegtbildern per UMTS unterschlagen würden.

Viele dieser Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass die Fernsehlandschaft in Bewegung geraten ist. Neue Sender sind entstanden, beispielsweise "das Vierte" von NBC Universal, das in einer Woche startet, viele weitere Free-TV-Sender und eine ganze Reihe von Pay-Kanälen. Zunehmend gehen auch Produzenten dazu über, ihre Produkte nicht nur an etablierte Kanäle zu verkaufen, sondern selbst zu vermarkten - über eigene Sender sowie Zweitnutzungen im Internet, in Video-on-Demand-Diensten und auf mobilen Endgeräten. Zahlreiche weitere Kanäle sind geplant - die Landesmedienanstalten haben bereits Dutzende Sender lizenziert und Medienkanäle abgenickt, die in den nächsten Monaten auf den Markt kommen werden.

Auch Premiere macht Fortschritte. Nach einem erfolgreichen Börsengang ist deutlich zu spüren, dass man in Unterföhring den aufkommenden Wettbewerb im Bereich des Bezahlfernsehens durchaus ernst nimmt und mit neuen Kanälen, neuen Technologien (Stichworte sind HDTV und der Videorecorder mit Push-Funktion) sowie neuen Rechteerwerbs-Modellen darauf reagiert. Ein Nebeneffekt ist, dass Premiere mit mehreren Kanälen (dem Wettkanal, aber auch dem geplanten Kanal zur Ausstrahlung der unverschlüsselten Spiele der Champions League) ins Free TV vorstößt, wahrscheinlich bevorzugt durch Akquisitionen.

Fasst man all dies zusammen, dann lässt sich auch in Deutschland mit Fug und Recht behaupten, dass der Fernsehmarkt im Umbruch ist. Die neuen Technologien werden genutzt, die Potenziale werden erkannt, es wird unternehmerisch gehandelt.

Errungenschaften?
Möglicherweise haben Sie es schon geahnt: Da kommt ein "Aber". Nun wäre es sowieso ein Wunder, wenn es kein "Aber" gäbe, denn das Wirtschafts- und Kulturfeld Fernsehen ist höchst komplex. In kaum einem anderen Bereich müssen so viele Akteure zusammenwirken wie hier. Netzbetreiber, Endgerätehersteller, Inhalteanbieter - sie alle sind gezwungen, koordiniert tätig zu werden, denn die Wertschöpfungskette ist stark fragmentiert.

Zunächst einmal ist festzustellen: Nicht alles, was erreicht ist, ist auch eine Errungenschaft.

Nehmen wir das Beispiel DVB-T. Kabelnetz- und Satellitenbetreiber weisen ebenso wie viele Fernsehsender aus meiner Sicht zu Recht darauf hin, dass DVB-T die Digitalisierung in Deutschland nicht nennenswert nach vorne bringt - und wenn überhaupt ein Stück, dann in die falsche Richtung. Dass man diesen Schritt auch noch subventioniert, scheint mir höchst fragwürdig zu sein.

Denn DVB-T ist erstens nicht flächendeckend verfügbar, sondern nur in bestimmten Ballungsräumen, die ohnehin mit Kabel und Satellit bestens versorgt sind. Kein Überall-Fernsehen, sondern ein Hier-und-Da-Fernsehen. Und auch ein Hier-und-Da-Eben-Nicht-Fernsehen.

DVB-T ist zweitens nicht vielfaltsorientiert, sondern kanalverknappend. Da ist nur Platz für Wenige, noch nicht einmal für alle Kanäle der gleichen Kategorie. Würde DVB-T von den Konsumenten als Kabel- oder Satellitenersatz eingesetzt, wäre diese Art des Digitalen wettbewerbsverzerrend und rückschrittlich. Das Bundesverfassungsgericht hat mal einen Anspruch an Medienpolitik definiert - Zitat: "Es bedarf ... einer positiven Ordnung, welche sicherstellt, dass die Vielfalt der bestehenden Meinungen im Rundfunk in möglichster Breite und Vollständigkeit Ausdruck findet". Diesem Anspruch genügt DVB-T nur unvollkommen.

DVB-T ist drittens nicht multimediatauglich - wegen hoher Clustergrößen, Nicht-Erweiterbarkeit der Bandbreite und fehlendem Rückkanal im Eigennetz.

Und DVB-T ist viertens nicht zielführend, weil sich letztlich alle Beteiligten einig sind, dass die derzeitige Herausforderung vor allem darin besteht, das Kabel mit seinem hohen Marktanteil modern zu machen, die Migration zum Digitalen dort rasch zu ermöglichen und sie nicht als quälend langsamen Prozess verkümmern zu lassen.

Nun zweifeln inzwischen selbst die Protagonisten von DVB-T in den größeren Sendern, ob ihr Engagement richtig war. Ihre Anfangsüberlegung war diese: Wenn wir bei DVB-T mitmachen, erhöhen wir unsere Reichweite zumindest um einige Prozent und sind mobil empfangbar, ohne auf Mobilfunkbetreiber angewiesen zu sein. Außerdem stellen wir diejenigen Politiker zufrieden, die DVB-T als Synonym für Digitales ansehen. Damit reduzieren wir zugleich die Kritik, wir würden uns gegen die Digitalisierung wehren. Dass wir beim Kabel nicht mitmachen, wird dann in milderem Licht erscheinen. Auch gibt es an einigen Orten eine Verknüpfung zwischen DVB-T-Kanälen und analogen Sendeplätzen; so sichern wir die analoge Kabelverbreitung zusätzlich ab. Schließlich ist das Ganze gar nicht so schlimm, denn es gibt ja DVB-T-Subventionen.

Inzwischen aber haben die großen Sender ihre Beteiligung in aus ihrer Sicht nicht so bedeutsamen Regionen abgelehnt - und sie erkennen langsam, dass sie im Grunde viel Aufwand für einen geringen Ertrag betreiben.

Herausforderungen
Dies lenkt unseren Blick auf das in der Tat viel bedeutsamere Thema, nämlich wie wir die Digitalisierung beim Kabel so hinbekommen, dass effektiv nutzbare Chancen für die Anbieter neuer Programme, ob auf Free- oder Pay-Basis, entstehen.

Und das ist längst keine abstrakte Frage mehr, bei deren Beantwortung wir uns Zeit lassen könnten. Denn die Sender gehen den Kanälen voran. Will heißen: Es gibt zahlreiche bereits sendende Veranstalter, die dringend auf eine Erhöhung ihrer Reichweite angewiesen sind. Das sind zum einen diejenigen Sender, die auf dem Satelliten begonnen und darauf gehofft haben, dass das Kabel alsbald mit vergleichbarer Kapazität nachziehen würde. Und zum anderen sind es jene, die in Digitalpaketen der Kabelnetzbetreiber verbreitet werden, nun aber erkennen müssen, dass die Reichweite dieser Pakete deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt, weil es eben keinen allgemeinen Schub fürs digitale Kabel gibt. Zusätzlich stehen zahlreiche Spartensender in den Startlöchern.

Dieser Umstand führt dazu, dass sich bei Neubelegungen der analogen Kabelplätze immer wieder nahezu dramatische Verteilungskämpfe abspielen - und dabei auch das ein oder andere Mittel eingesetzt wird, das da nicht hingehört, wie die Ankündigung der Verlagerung von Arbeitsplätzen von Bundesland A in Bundesland B. Gerade fand wieder so ein Kampf in Niedersachsen statt. Ich schlage vor, Sie schauen mit mir mal eben in die Kanalverteilungsliste rein: Da wird bestimmt, ARTE habe in Kanalteilung mit Bloomberg zu senden, MTV 2 mit TV Travel Shop und Spika, HSE24 mit Euronews, TV5 mit XXP, VIVA plus mit KI.KA, CNN mit Radio Bremen und die BBC mit dem friesischen Rundfunk. Wie wunderbar das alles zusammen passt!

Lassen Sie uns zunächst mal diskutieren, woran es denn liegt. Da gibt es zum einen das Thema Kanalknappheit. Dieses Problem lässt sich zumindest mildern, indem man die noch zur Verfügung stehenden digitalen Kapazitäten im bisherigen Frequenzspektrum nutzt. Das geschieht auch. Nur gibt es für die Fernsehzuschauer kaum Anreize, von analog auf digital umzusteigen. Das einzige Argument, das man wohl hört, das aber nicht auf überragende Gegenliebe stößt, ist: Abonnieren Sie zusätzliche entgeltpflichtige Programmpakete. So richtig neu ist das nicht, denn dafür plädiert Premiere schon seit Jahren.

Was wir überhaupt nicht haben, ist so etwas wie eine durch Aufbruchstimmung unterstützte Kampagne für Digitalfernsehen im Kabel. Die großen Kabelnetzbetreiber haben sich noch nicht einmal auf gemeinsame Marken, Slogans oder auch nur ein gemeinsames Wording verständigt.

Gibt es also bereits keinen richtigen Anreiz für die Kabel-Konsumenten, erstmals in ihrer Fernseh-Karriere Zusatzgeräte zu ihren TV-Apparaten zu kaufen, müsste man ihnen derzeit auch noch die merkwürdige Mitteilung machen, dass man zwar ARD und ZDF, neue Sender und Premiere ebenso wie zusätzliche Programmpakete damit sehen kann, der Wunsch nach RTL, Pro Sieben und SAT1 aber umständliches Jonglieren mit zwei Fernbedienungen erfordert. Natürlich ist das nur eine der Wirkungen der Digital-Abstinenz der Großen. Die wahrscheinlich viel bedeutendere ist, dass genau diese großen Sender und Marken bei der Promotion des Umstiegs fehlen würden.

Nun sind einseitige Schuldzuweisungen an die etablierten Fernsehsender etwas zu einfach. Ich höre aus den Verhandlungen, dass auf Seiten des Kabels nicht wirklich Konsistenz besteht - da wechseln schon mal die kompletten Verhandlungsteams und mal sitzen die Investoren mit am Tisch, mal fehlen sie. Auch hat man sicherlich mit unüberlegt herausposaunten Abschaltszenarien ("jedes Jahr fünf analoge Kanäle") und allerlei sonstigen Drohungen das Klima nicht gerade verbessert.

Und die Schuldzuweisung an die Senderfamilien ist auch deswegen nicht so einfach, weil die Senderfamilien zwar wissen was sie tun, aber nicht wissen, was sie wollen. Wollen sie nun selbst mit zusätzlichen Digitalkanälen auf Pay- oder Free-Basis in den Markt oder wollen sie die Ausweitung des Gesamtmarktes weiter verhindern? Zwar haben sie schon mal Lizenzen beantragt und auch diverse Pläne in den Schubladen, aber innerhalb der Familien gibt es kräftige Meinungsunterschiede. Und auch die Tatsache, dass erst einmal Investitionen erforderlich sind, ausgerechnet in einer Zeit, in der die Werbeeinnahmen rückläufig sind, gibt ihnen zu Bedenken.

In anderen Medienbereichen war eine solch zögerliche Haltung stets mit Nachteilen verbunden. Die Tageszeitungen haben viel Geld auf den Tisch legen müssen, um die inzwischen erfolgreich gewordenen Anzeigenblätter aufzukaufen. Die Musikverlage haben erhebliche Einbußen erlitten, als sie noch meinten, den Download von Musik übers Internet verhindern zu können. Der Buchhandel hat sich erheblich vertan, als er Amazon für ein aussichtsloses Startup hielt. So mancher hätte sich gewünscht, man könne den Wettbewerbern ihre Verbreitungsmöglichkeiten wegnehmen. Bei Papier, Musikdateien oder Verpackungen ging das nicht. Beim Kabel funktioniert es aber. Dies ist, soweit ersichtlich, der einzige Medienbereich, in denen Etablierte darüber entscheiden können, ob sie wirksamen Wettbewerb bekommen oder nicht. Und das ist schon ziemlich merkwürdig.

Bei den Münchener Medientagen im Herbst 2004 sagten Manuel Cubero und Hubertus Meyer-Burckhardt übereinstimmend, bis Ostern sei die Einigung wohl unter Dach und Fach. Nun ist Ostern ein variabler Begriff. Jedenfalls fiel das Fest in diesem Jahr aus. Nun höre ich, es soll im Dezember nachgeholt werden. Aber selbst wenn in den verbleibenden Monaten dieses Jahres die Einigung gelingt, kommt es auf ihre Qualität an. Zu dieser Qualitätsfrage gehört auch das Thema, wie man eine breite Boxenbasis für entgeltpflichtige Digitalprogramme erreichen kann.

Am Kern der Wahrheit vorbei
Das führt uns zum immer noch offenen Thema Grundverschlüsselung. Nach wie vor gibt es diffuse Vermutungen, wozu sie eigentlich dient. Manchmal wird sogar behauptet, der Empfang von ZDF, RTL oder SAT1 solle nun Geld kosten. Das ist ebenso falsch wie die Behauptung, es gebe gar keine Grundverschlüsselung, sondern nur Verschlüsselung, mit anderen Worten, wer verschlüssele, habe hinsichtlich jedes einzelnen Programms vor, Entgelte zu kassieren.

Solche Missverständnisse entstehen, weil alle beteiligten Parteien immer noch am Kern der Wahrheit vorbeireden. Kabelnetzbetreiber, die die Grundverschlüsselung wollen, sagen, es ginge um das Ausfiltern von Schwarzsehern. In Wirklichkeit geht es darum nur ganz peripher. Das unter Strafe gestellte Überbrücken von verplombten Übergabepunkten ist ein Problem, das wir schon seit 20 Jahren haben. Kein Kabelnetzbetreiber würde allein wegen der Lösung dieses Problems die Mühe auf sich nehmen, teurere Set-Top-Boxen mit Conditional Access-System in den Markt zu bringen, ein Subscriber-Management einzuführen und Zugangskarten zu verteilen. Dazu ist der Technik-, Personal- und Verwaltungsaufwand viel zu hoch; wesentlich günstiger wäre es, nach dem Prinzip zu verfahren "Etwas Schwund ist immer."

Die etablierten Fernsehsender hingegen argumentieren, durch die Grundverschlüsselung würden sie an Reichweite verlieren. Auch das ist unlogisch, weil jeder Fernsehsender beim Simulcast ja analog und digital ausgestrahlt würde. Da ist, selbst bei kreativster Anwendung von Mathematik, kein Reichweitenverlust erkennbar. Klammer auf: Natürlich verlieren etablierte Sender Reichweite - und zwar durch den zunehmenden Wettbewerb, der durch neue ins Kabel eingespeiste Programme entsteht. Nur ist das kein Argument gegen Grundverschlüsselung, sondern gegen die Digitalisierung schlechthin. Klammer zu.

Wozu dient die Grundverschlüsselung also wirklich? Das ist ganz einfach zu verstehen. Vergleichen Sie mal den Zustand ohne und mit Grundverschlüsselung. Ohne Grundverschlüsselung heißt: Alle bisherigen Sender sind mit einfachen Free-to-Air-Receivern empfangbar. Dann entscheiden sich die Manager von Lidl, Aldi und Plus natürlich für den Ein- und Verkauf solch einfacher und preiswerter Boxen. Also erwerben die Menschen bei Aldi ein bis drei Free-to-Air-Boxen, für jeden Fernseher eine. Zwei Monate später fangen sie an, sich für ein paar zusätzliche Abo-Programme zu interessieren. Die können sie mit ihrer Free-to-Air-Box aber nicht empfangen. Ob sie jetzt wirklich erneut ihr Portemonnaie zücken und ein bis drei neue Boxen kaufen?

Jetzt der Zustand mit Grundverschlüsselung: Allein mit Free-to-Air-Boxen kann man dann keine Privatsender empfangen, also kauft auch kein Verantwortlicher von Lidl, Aldi und Plus die Dinger ein, sondern bringt nur Boxen mit CA-Modul ins Regal. Das heißt: Jeder, der auf digital umsteigt, kann mit seiner neuen Box dann alles empfangen. Und die Entscheidung über das Abonnement eines zusätzlichen Senders, eines Premiere-Angebots oder eines Near-Video-on-Demand-Films fällt eben nicht am Point of Sale, sondern daheim im Wohnzimmer. Links das Glas Rotwein, rechts die Käseecken, in der Mitte die Fernbedienung - da ist man schnell dabei, mal einen Kanal zu abonnieren, das Vollerotik-Video abzurufen oder ein Fußballspiel freischalten zu lassen. Und das per Telefon, ohne Gefahr zu laufen, das Schälchen mit den Erdnüssen umzuwerfen.

Nun frage ich Sie: Wenn Sie Kabelnetzbetreiber wären und genau wüssten, dass Sie hunderte von Millionen Euro in die Digitalisierung stecken müssen, die Sie nur wieder zurück bekommen, wenn Sie auch Abopakete verkaufen, was würden Sie tun: Würden Sie noch ein Zugeständnis machen und auf die Grundverschlüsselung verzichten - also das alte Premiere-Problem wiederholen: Wer auch nur ein Fitzelchen Premiere sehen wollte, brauchte eine neue Box - oder würden Sie auf der Grundverschlüsselung beharren?

Das ist der Grund, warum so viele Kabelnetzbetreiber für die Grundverschlüsslung plädieren. Nun sagen ARD und ZDF: Ohne uns. Liebe Öffentlich-Rechtliche, das ist völlig in Ordnung so. Das interessiert aber gar niemanden. Denn das Ergebnis ist das Gleiche. Oder glauben Sie etwa, jemand würde bei eingeführter Grundverschlüsselung eine Box kaufen, die nur ARD und ZDF empfängt und sonst nichts? Eine solche Box würde nicht nur niemand kaufen, sondern auch niemand produzieren. Da müssten Sie schon Ihre eigene Set-Top-Box-Fabrik betreiben, was mit dem Medienstaatsvertrag nicht ganz vereinbar wäre, obwohl es sicher ein paar Hausjuristen gibt, die auch das noch unter die Bestands- und Entwicklungsgarantie subsumieren.

Packetierung fehlt
Würde man, zusammengefasst, die großen Privatsender ins digitale Kabel einspeisen, eine breite Kampagne für den Umstieg von analog auf digital fahren und zusätzlich noch dafür sorgen, dass leistungsfähige Boxen in den Markt kommen, dann wäre genau der Impuls gesetzt, den die deutsche Medienwirtschaft jetzt braucht. Wir schaffen damit Planungssicherheit für alle und Chancen für neue Sender, erleichtern die Penetration von Abonnementfernsehen, beenden den Kanalmangel und sorgen nicht zuletzt für neue qualifizierte Arbeitsplätze.

Den Kanalmangel beenden? Na ja, wenigstens kurzfristig. Tatsächlich ist es so, dass die "digitale Insel" im Kabel nicht unbegrenzt ist. Es gilt daher, alsbald entweder analoge Kanäle abzuschalten oder die Netze aufzurüsten. Ich denke, dass nur der erste Weg wirklich effektiv sein wird, weil an der zweiten Option zu viele Player - insbesondere die Wohnungswirtschaft und die Netzebene 4 - beteiligt sind und sich die Aufrüstung auch nicht überall lohnt. Die Abschaltung der analogen Kanäle muss so erfolgen, dass man keinem Sender die Existenzgrundlage entzieht. Hier werden also alle Kabelnetze zusammenarbeiten müssen, um beispielsweise eine gleichmäßige, sukzessive, nur wenig spürbare, Reichweitenreduzierung aller Sender herbeizuführen.

Übrigens: Das Kabel fusioniert. Sie wissen das. iesy, ish, Tele Columbus. Gegenstand von Begierde sind auch ewt, die zuvor Bosch Breitbandnetze übernommen haben, und, bereits seit langem, Primacom. Das alles muss nicht schädlich sein, was ja auch das Bundeskartellamt inzwischen so sieht. Nur bitte ich Sie alle, sich genau zu merken, was die Investoren im Rahmen solcher Fusionen versprechen. Da ist von Wettbewerb bei der Telefonie die Rede, von Internet-Zugang, Programmvielfalt und Interaktivität über Rückkanäle. Wir sollten die Investoren daran messen, was sie tatsächlich tun.

"Er hat sehr viel übers Kabel gesprochen", werden Sie anschließend sagen, wenn Sie sich überhaupt noch an meine Ausführungen erinnern sollten. Auch die Geschäftsführer von SES Astra monieren ab und zu mal, wenn auch stets nett, ich würde in meinen Reden den Satelliten missachten. Ich muss das hier mal richtig stellen.

Schon die Tatsache, dass ich so wenig über ihn spreche, ist eigentlich ein Kompliment - denn das wahre Problem in Deutschland liegt darin, dass unser Kabel, trotz seiner Marktführerschaft, nicht modern genug ist. Die Satellitenbetreiber haben es hingegen geschafft, die Privatsender sehr früh für die digitale Ausstrahlung zu gewinnen. Sie haben - ich erwähnte dies schon - auf die Herausforderungen des Marktes im Rahmen ihrer technischen Möglichkeiten optimal reagiert. Sie sind - ich wiederhole dies gerne - Vorreiter bei HDTV. Sie sind als Zulieferer fürs Kabel unverzichtbar.

Wenn ich etwas an ihnen vermisse, ist dies die Packetierung von Programmpaketen gegenüber Endkunden. Zwar hat die SES jetzt in Kooperation mit Premiere ein Paket mit fremdsprachigen Programmen geschnürt. Der nächste Schritt fehlt aber noch. Denn, jetzt mal umgekehrt, nehmen wir mal an, das gelingt im Kabel alles - es gibt eine breite Penetration von Boxen, die Leute können mit einem Anruf Programme abonnieren, dann bietet der Satellit nicht den gleichen Komfort. Ich weiß, warum die Satellitenbetreiber zögern und insbesondere Eutelsat die Packetierung gegenüber Endkunden ausschließt: Man will den Konsens mit dem Kabel nicht gefährden. Ich glaube aber, dass diese Gefahr gering ist, solange die inhaltliche Neutralität der Satellitenbetreiber gewährleistet bleibt.

Eines ist allerdings auch klar: Der Satellit stößt dann an seine Grenzen, wenn es um die echte Punkt-zu-Punkt-Übertragung von Bewegtbildern geht, also nicht nur um Push-Dienste, nicht nur um Near-Video-on-Demand. Diese echte Punkt-zu-Punkt-Übertragung kann nicht funktionieren. Ganz anders im Kabel: Deswegen öffnet die Modernisierung des Kabels eben auch die Tür zu ganz neuen Anwendungen - und geht damit weit über Rundfunk hinaus.

Wir werden heute im Laufe des Tages noch über ein weiteres Thema sprechen, das ich eingangs schon erwähnt hatte: Fernsehen über DSL. Ich halte eine Entwicklung in diese Richtung für nahezu zwangsläufig, denn Hochgeschwindigkeitsnetze brauchen Inhalte, die Hochgeschwindigkeit erfordern. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Spannend wird, wie die Fernsehsender in dieser Hinsicht verfahren. Premiere hat bereits eine Antwort gegeben: Selbstverständlich wolle man die Premiere-Programme auch über DSL verbreiten. Die zweite Frage ist die: Wenn wir DSL für Fernsehen einsetzen, was ja eigentlich ein ziemlich verrücktes Unterfangen ist: Man verwendet ein Punkt-zu-Punkt-Netz für Broadcast, wie nutzen wir dann die Möglichkeiten, die DSL rund ums Fernsehen bietet? Eines steht fest: Wenn DSL zur Verbreitung linearer Fernsehprogramme eingesetzt wird, sind die Möglichkeiten der Interaktion und der Ergänzung durch on-Demand-Inhalte nicht mehr technisch, sondern nur noch durch die Fantasie begrenzt.

Meine Damen und Herren, meine Aufgabe heute morgen war, über Rahmenbedingungen, Technologien und Potenziale in Deutschland zu sprechen. Formulieren wir es mal so: Ich glaube, dass wir in diesem Land große Chancen haben, eine Fernsehlandschaft zu schaffen, in der es einen effektiven Wettbewerb der Infrastrukturen gibt. Dieser Wettbewerb wird dazu beitragen, dass wir die technischen Möglichkeiten der Netze optimal nutzen. Dies wiederum bedeutet, dass für private wie öffentlich-rechtliche, etablierte wie auch neue Sender Plattformen entstehen zur Umsetzung von Ideen und Kreativität, zur Nutzung von Marktlücken und zur flexiblen Antwort auf die Bedürfnisse der Konsumenten.

Deswegen sollten wir auch gar nicht neidisch nach Fernost schauen, was die Breitband-Durchdringung betrifft, nicht eifersüchtig nach Frankreich in Sachen TV über DSL, nicht kontemplativ nach England in Sachen Pay TV. Das, was wir in Deutschland erreicht haben, hat eine eigene Qualität - und möglicherweise eine Struktur, bei der sich Zukunftsfähigkeit leichter herstellen lässt als anderswo.

Nur müssen wir das jetzt auch tun. Warten geht nun nicht mehr. Es sind nur noch ein paar Schritte. Und die müssen wir jetzt gehen.

Vielen Dank!