Werner Lauff
Digitalisierung in Deutschland
Chancen und Risiken
Vortrag beim Medienforum NRW am 22. Juni 2004 in Köln
 

Meine Damen und Herren,

es war eine spannende Beschäftigung, die Entstehung des Programms des Medienforums 2004 zu verfolgen. Der Prozess, der da ablief, war nämlich von einem hohen Maß an Dialektik geprägt. Da wurden Themen aufgenommen und wieder gestrichen, dreistündig geplant und auf Minuten reduziert, zum Trend erhoben und wieder begraben, als schicksalhaft definiert und im Papierkorb entsorgt. Im Vergleich mit dem Programmfindungsprozess des Medienforums muss das Aushandeln der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen eine leichte Übung gewesen sein. Die große Frage war: Welchen Stellenwert würde man der Digitalisierung einräumen? Ein Podium sollte es geben, so viel war klar. Auch hatte man mir signalisiert, es bestehe möglicherweise Interesse an einem zehnminütigen Impulsreferat zum Thema. Also verfolgte ich aufmerksam unter medienforum.nrw.de, ob dort wohl mein Name in der edlen Liste der Referenten auftauchen würde. Endlich wurde einer Datenbank die Erlaubnis gegeben, das bis dahin Beschlossene im Internet zu publizieren. Für den heutigen Vormittag stand da sehr erfrischend: "Pause".

Als schließlich offenbar wurde, dass Staatskanzlei und Landesanstalt uns einen ganzen Tag geben, über Digitalisierung zu sprechen, und aus meinem zehnminütigen Impulsreferat ein dreiviertelstündiger Einführungsvortrag geworden war - nach dem man wirklich eine Pause braucht -, habe ich beschlossen, die (wahrscheinlich nur durch die flehentliche Bitte der Druckerei, es nun gut sein zu lassen, entstandene) Momentaufnahme des Programms zu nutzen und unter Außer-Acht-Lassung aller Höflichkeiten, diplomatischen Rücksichtnahmen und beratungstaktischen Überlegungen das Thema so meinungsfreudig zu behandeln, dass die anschließende Podiumsdiskussion mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Ufer laufen wird.

Denn wenn wir über "Digitalisierung in Deutschland - Status quo und Ausblick" sprechen, dann sprechen wir über ein Thema, das so groß und bedeutsam ist wie seinerzeit, vor 20 Jahren, die Einführung des privaten Fernsehens. Digitalisierung ist ja nur der Oberbegriff für tiefgreifende Strukturveränderungen im Medienbereich. In den nächsten zwölf Monaten entscheidet sich, ob unsere Kabelnetze Zukunft haben, welche Rolle DSL spielen wird, ob der Satellit weiter aufholt, DVB-T etabliert werden kann und UMTS Hoffnungen erfüllt. Es entscheidet sich aber auch, welche Inhalte wir künftig nutzen können: Haben neue Veranstalter eine realistische Chance? Bekommen wir mehr Pay-TV? Ist Werbefinanzierung noch tragfähig? Gibt es mehr Auswahl, Vielfalt, Wettbewerb? Kommt Interaktivität? Wenn Deutschland erfolgreich digitalisiert, reden wir nicht über einen kleinen Schritt in die Zukunft. Wir reden - ich sage dies ganz deutlich - über "Urknall" Nummer zwei.

Maßstäbe
Zuweilen wird diese Dramatik nur rudimentär erkennbar. Allerdings weisen bereits diverse (digitale) Enzyklopädien wie etwa Wikipedia darauf hin, dass das Wort Digitalisierung tiefe Wurzeln hat. Altsprachler und Bibelfeste unter Ihnen werden es wissen: Als der HERR dem Propheten Mose auf dem Berg Sinai Steintafeln überreichte, waren diese Digito Dei, mit dem Finger Gottes, geschrieben. Hätten Sie gewusst, dass "digital" eigentlich mit dem Finger heißt? Doch halt: Konnte man nicht erst unlängst in Köln eine feierliche Zeremonie beobachten, bei der ein Ministerpräsident, zwei Intendanten und mehrere Direktoren durch einen gemeinsamen Fingerdruck auf einen großformatigen, pastellfarbenen, aber unverkabelten Knopf DVB-T starteten? Welche Symbolik! Welch Gleichnis!

Freilich ist zweifelhaft, ob dabei jemand an das 2. Buch Mose gedacht hat; dafür hätte schon Johannes Rau dabei sein müssen. Die meisten werden sich wohl gar nichts dabei gedacht ..., nein, vergessen Sie's - diesen Ausblick auf meine weiteren Ausführungen zu DVB-T will ich Ihnen noch vorenthalten. Ich sollte erst zu Ende erzählen, dass aus "digital - mit dem Finger" die mit dem Finger abgezählte Ziffer entstand. Informatiker lernen am ersten Tag ihres Studiums, dass sie in der Schule Jahre lang zu viele davon benutzt haben, denn fürs Digitale reichen zwei, die anderen acht sind fürs Poesiealbum.

Nun wissen Sie alle, dass Digitalisierung auch ohne politischen Fingerzeig entsteht. Denn der viel alltäglichere und auch viel bedeutendere Umwandlungsprozess findet permanent und feierstundenlos statt. CD statt Vinyl, DVD statt VHS, Festplatte statt Videorecorder, Digitalkamera statt Laborfilm, E-Mail statt Brief, GPS statt Falk-Plan, PDF statt Fotokopie - diese Umstiege sind schleichend und individuell, dafür aber wirklich effektiv.

Als neueste feierstunden-averse Errungenschaft erobern gerade Smarte Labels unsere Welt. Im Supermarkt kommunizieren sie selbständig mit Kasse, Lager, Hersteller und - bei Diebstahl - sogar mit herbeieilenden Polizeibeamten. Verlegte Gegenstände teilen unserem PC bereitwillig mit, wo sie sich befinden. Diese Art der digitalen Kommunikation sorgt demnächst auch dafür, dass der Goldhamster nicht mehr verloren gehen kann, die Mikrowelle vom Fertiggericht Garanweisungen erhält und die Waschmaschine bei Seidenwäsche die Schleuderumdrehung senkt.

Dies ist, ganz nebenbei, Fortschritt, der begeistert. Wer wünschte sich nicht die mit Gewichtssensor versehene Matratze, die beim Hinzukommen eines zweiten Benutzers automatisch romantisches Licht einschaltet? Wie könnten wir verzichten auf den Kalorien verkündenden Backofen, den Glas und Papier wieder ausspuckenden Mülleimer und die sprechende Waage, die uns morgens tadelnd zuruft "You arrr too heavy, trrry a diet"? Und sehnen Sie es nicht auch herbei, morgens das Haus hochzufahren und festzustellen, dass Windows XP Home beim Versuch, die ausgewechselte Glühbirne zu erkennen, mit einem Bluescreen stehen bleibt? Ach, wenigstens hätten wir ein paar Ausreden: Millionen von Menschen werden morgens zu spät zur Arbeit kommen, mindestens aber übel riechend, weil die Lizenzzeit für die Software des Seifenspenders abgelaufen, die Zahnbürste abgestürzt und das Deo noch nicht initialisiert war. Oder WC 2010 Professional versagt und sich vor Aufspielung eines Updates weigert, die Spülung auszulösen.

Da trifft es sich gut, dass bei Wikipedia, unscheinbar eingebettet, auch dieser Satz steht: "Die Unterscheidung zwischen analog und digital enthält keine qualitative Aussage über die Bedeutung der Daten und ihre Bewertung durch Menschen."

Ach, dies sei allen Start-Ups ins Stammbuch geschrieben, die glauben, sie könnten mit digitalen Erfindungen die Welt verändern und vor allem die in ihr handelnden Personen. Ich könnte Ihnen mühelos eine halbe Stunde lang revolutionäre Innovationen aufzählen, die mir immer wieder mit treuherzig hilfesuchendem Blick präsentiert werden. Nein, liebe Daniel Düsentriebs, die Menschen werden nicht wegen ein paar E-Commerce-Angeboten teure Set-Top-Boxen erwerben. Sie werden nicht wegen ein paar Videos on Demand auf ihre Dächer klettern und sendende Satellitenschüsseln montieren. Und sie werden auch nicht mit Tablet-PCs im Warenhaus stehen, um die überforderte Verkäuferin mit dem Sofort-Kaufen-Preis von Ebay zu konfrontieren.

Ich sage seit einem Jahrzehnt: "Nur eine Technologie, die Unbequemlichkeit in Bequemlichkeit verwandelt, hat Aussicht auf Erfolg." Und so ist es in diesen Jahren dann auch gekommen. Nur ab und zu setzt sich eine wirklich nützliche Erfindung durch, wie etwa der Blackberry, der dazu führt, dass E-Mails Tag und Nacht ihrem Adressaten nacheilen, gleich ob der sich auf Dienstreise oder in der Badewanne befindet. Dieses Wunderwerk der Technik hat übrigens die Medienbranche im Sturmschritt erobert. Manche wollen's, manche nicht: Grüße an alle Mitarbeiter von ProSieben/Sat 1, nein, liebe Kollegen, Ihr seid da nicht allein. Das ist heute "in" und hat nichts mit Sabanismus zu tun.

Doch es geht nicht nur um Bequemlichkeit und Unbequemlichkeit. Es geht im Medienbereich vor allem auch um Massenmärkte. Neue inhaltliche Angebote und neue Geschäftsmodelle sind eben abhängig von

- der Verfügbarkeit und den technischen Möglichkeiten von Netzen,

- der Verbreitung ausreichend leistungsfähiger und kostengünstiger Endgeräte und

- der Innovationsbereitschaft von Inhalteanbietern und Werbung Treibenden.

Diese Voraussetzungen müssen kumulativ erfüllt sein, um ein neues Angebot im Medienmarkt durchsetzen zu können. Schon der Wegfall einer einzigen Bedingung verurteilt ein Projekt zum Scheitern, weil kein Unternehmen mehr als einen der Faktoren allein bestimmen kann. Und das ist auch der Grund, warum Themen wie Simulcast, Grundverschlüsselung und MHP von so entscheidender Bedeutung sind: Weil wir Massenmärkte schaffen müssen.

Also, meine erste Feststellung: Nur Nutzen bringende, Unbequemlichkeit in Bequemlichkeit verwandelnde, massenmarktfähige Netz-, Endgerät- und Inhalteinnovationen machen die Digitalisierung erfolgreich. Denn sonst sprechen wir nur über einen Wechsel der Darreichungsform, die allein aber niemanden begeistert. Deswegen ist es zwar ganz nett, die Premiere-Werbespots anzuschauen, in denen sich verschwommene Menschen mit dumpfer Stimme in einer Gruppentherapie zu dem Geständnis überwinden, sie seien Analogiker. Nur ist es eben so, dass die meisten Bundesbürger nicht unter ähnlichen Schuldgefühlen leiden. Sie sind mit dem, was sie haben, zufrieden. Nein, das war falsch formuliert - sie haben keinen Bedarf nach mehr davon.

Dies führt uns dann auch zu einem der Klischeesätze, die ich immer wieder in Podiumsdiskussionen höre. Der Satz lautet "Der Markt soll entscheiden". Dieser Satz hat eine derartige Plausibilität, dass unmittelbar nach Verklingen der letzten Silbe reflexartig Kopfnicken entsteht. Er ist aber schlicht und einfach falsch. Natürlich entscheiden Konsumenten, ob sie ein Angebot annehmen oder nicht. Ihre Entscheidung aber bereits vor dem Angebot abzuverlangen, hat in der erfolgreichen Geschichte der deutschen Marktwirtschaft so gut wie noch nie funktioniert - erst recht nicht bei den Medien. Auch vor 20 Jahren gab es keine Massenforderungen nach privatem Fernsehen. Ich war damals Assistent im Deutschen Bundestag und an der Verkabelung des Landes mindestens ein klein wenig beteiligt. Untersuchungen zeigten uns, dass die meisten Bundesbürger schon die Versorgung mit ARD, ZDF und den dritten Programmen für mehr als ausreichend hielten und bei weiteren Alternativen im Rahmen des abendlichen Fernsehkonsums einen geradezu unerträglichen Entscheidungsdruck befürchteten. Ähnliches kann man von der Einführung von Bildschirmtext, Videotext und vielen anderen Diensten berichten. Man muss es klar feststellen: Es waren entschlossene Politiker und engagierte Unternehmer, die diese Medien schufen - und sie waren bereit, Risiken einzugehen und Durststrecken in Kauf zu nehmen.

Und da erwarten wir jetzt, dass sich die richtigen Set-Top-Boxen schon ganz von selbst in den Haushalten einfinden werden? Dass ein Stichwort wie "digital" ausreicht, um Bundesbürger in die Elektromärkte strömen zu lassen? Dass wir nicht nachhelfen müssen, um den Prozess der Migration zu fördern? Nein, das Gegenteil ist der Fall. Auch und gerade heute brauchen wir konzertierte Aktionen, wie damals vor 20 Jahren, bei denen Politiker, Inhalteanbieter, Netzbetreiber und Endgerätehersteller gemeinsam sagen: Wir führen das jetzt ein. Weil wir es wollen. Und weil es gut ist.

DVB-T
Bei DVB-T machen wir es ja auch so. Erstens produzieren wir Umstiegsdruck, indem wir die analogen Frequenzen abschalten. Zweitens fördern wir private Sender mit Zuwendungen, um den Umstieg für sie kostenneutral zu halten. Und das alles geschieht in einem bemerkenswerten Konsens von Politik, Sendern und Endgeräteherstellern. Schauen Sie mal, wie gut das in Berlin funktioniert hat: Die Boxen waren rechtzeitig da, das Marketing hat gestimmt und nicht ein einziger, noch nicht mal ein gelangweilter pensionierter Landgerichtspräsident, hat gegen die Zwangsabschaltung geklagt. Dies war rein objektiv gesehen ein Lehrstück für Medieninnovation. In Nordrhein-Westfalen wird es wohl ähnlich laufen, denn die Landesanstalt für Medien, der WDR und das ZDF machen da einen guten Job.

Dass ich dennoch den Prozess der DVB-T-Einführung kritisch sehe, hat ganz andere Gründe. Ich halte das für eine komplett falsche Schwerpunktsetzung. Allzu viele Ministerpräsidenten verkünden derzeit, DVB-T sei die lang ersehnte Digitalisierung des Fernsehens. Dies ist aus mindestens acht Gründen problematisch und sogar gefährlich.

Erstens, weil verkannt wird, dass Kabel und Satellit bereits lange digital sind - dort ist das Analoge technisch gesehen nur noch ein Relikt aus vergangener Zeit. Die Terrestrik ist also nicht Vorreiter, sondern Nachzügler.

Zweitens, weil die Fokussierung auf DVB-T das Massenmarktthema ignoriert. Fortschritte erreichen wir mit DVB-T nur für eine einstellige Prozentzahl von Bürgern. Für weit über 90 Prozent der deutschen Haushalte ändert sich nichts.

Drittens, weil die DVB-T-Euphorie der Politik an der eigentlichen Herausforderung komplett vorbei geht. Die besteht darin, das Kabel mit seinen 58 Prozent Marktanteil modern zu machen, die Migration dort rasch zu ermöglichen und sie nicht als quälend langsamen Prozess verkümmern zu lassen. Hierzu wird bei den Feierstunden recht wenig gesagt.

Viertens, weil DVB-T im Vergleich zur bisherigen Terrestrik nur more of the same bringt, verglichen mit Kabel und Satellit sogar less of the same. Ein Maßstab für Digitalisierung ist dies sicher nicht. Digitalisierung muss deutlich mehr bringen, als DVB-T zu leisten vermag.

Fünftens, weil DVB-T komplett multimediauntauglich ist - wegen hoher Clustergrößen, Nicht-Erweiterbarkeit der Bandbreite und fehlendem Rückkanal im Eigennetz.

Sechstens, weil die Subventionierung der Sender fragwürdig ist. Sie profitieren von DVB-T bereits in dreierlei Hinsicht. Sie erhöhen ihre Reichweite, jedenfalls auf Zweit- und mobilen Geräten. Sie setzen das Kabel unter Druck, was bei Verhandlungen mit Netzbetreibern noch nützlich werden kann. Und sie schaffen einen Weg, Fernsehen unterwegs zu nutzen, ohne dass ein UMTS-Anbieter dafür kassieren kann. Dies alles sind bereits geldwerte Vorteile. Die Subventionierung aber ist ein zusätzlicher und der, genau der, ist ungerechtfertigt.

Siebtens, weil DVB-T keine Flächendeckung bringt, sondern im Gegenteil in bestimmten Regionen durch Abschaltung des Analogen sogar ein Weniger als bisher - genauer genommen ein Nichts. Es ist eben kein Überall-Fernsehen, sondern ein Hier-und-Da-Fernsehen. Und auch ein Hier-und-Da-Eben-Nicht-Fernsehen.

Schließlich, achtens, weil sich die Politik möglicherweise selbst eine Falle stellt: Wird die Flächendeckung unter Einsatz von Gebührenmitteln von den Öffentlich-Rechtlichen weiter betrieben, werden die Privaten einen Nachteil erleiden. Sie werden dann weitere Subventionen fordern, um den status quo ante, also das alte Wettbewerbsverhältnis, wiederherzustellen. Dies ist dann folgerichtig, denn wer A sagt muss auch B sagen; das aber führt uns in eine kaum finanzierbare Subventionierungsspirale.

Ach ja, am morgigen Mittwoch findet die Medienversammlung der LfM zum Thema DVB-T statt. Alle die jetzt sorgenvoll schauen, kann ich beruhigen. Ich reise schon heute Nachmittag ab und kann dort gar nicht das Wort ergreifen. Ich würde es auch nicht tun, denn auch ich finde es gut, im Biergarten zu sitzen und dort Siege der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu erleben. Aber ich bin dafür, unsere Netze einheitlich zu sehen und die Digitalisierung richtig einzuordnen, entsprechend ihrer tatsächlichen Bedeutung für die Zukunft unserer Medien.

Kabel
Was mich zu meinem Lieblingsthema führt, dem Kabel. Ich sage Ihnen ehrlich, wenn ich in einem zweiten Leben nochmal auf die Welt käme, dann bitte als Kabelnetzbetreiber. Wobei ich noch unschlüssig bin, auf welcher Netzebene. Am liebsten aber als Bosch Breitbandnetze - 50 Prozent Umsatzrendite auf EBITDA-Basis sind, wenn die Zahlen stimmen, die Mühe wert.

Das Kabel hat die besten Voraussetzungen, die Herausforderungen der Digitalisierung zu bestehen. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal: Es ist in Deutschland mit Abstand Marktführer. Es liegt es im internationalen Vergleich im oberen Mittelfeld; rechnet man die Benelux-Länder heraus, gehört es weltweit gesehen zur Spitzengruppe. Erst recht in Sachen "Take Rate" - dort, wo das Kabel verfügbar ist, wird es in der Regel auch genommen.

Diese Marktführerschaft ist eine gute Basis, zugleich aber auch eine Hypothek. Denn wenn es stimmt, dass Medienmärkte nur als Massenmärkte funktionieren, ist die Verbreitung beispielsweise eines Spartenprogramms oder einer interaktiven Applikation allein über Satellit und DVB-T - sofern dafür überhaupt Platz wäre und die Boxen die Anwendung abbilden könnten - keine hinreichende Bedingung, ein neues Produkt erfolgreich im Markt einzuführen.

Daher ist der oft beschworene "Wettbewerb der Infrastrukturen" aus Sicht der Inhalteanbieter reine Theorie. Ein etablierter Sender kann nicht auf die Reichweite verzichten, die ihm das Kabel bietet. Und ein neuer Sender oder Mediendienst-Anbieter kann ohne Kabelverbreitung sein Geschäftsmodell erst recht nicht verwirklichen. Gegen diese Zwangslage hilft auch keine Förderung weiterer Netze, es sei denn, sie würde dazu führen, dass das Kabel so massiv Marktanteile verlöre, dass seine Verbreitungsleistung entbehrlich würde. Das aber ist nicht zu erwarten und wäre natürlich auch nicht wünschenswert, weil die Übergangsphase jedem Marktteilnehmer, auch den Sendern, erheblich schaden würde.

Daher müssen wir das medienpolitische Ziel "Wettbewerb der Infrastrukturen" noch einmal genauer betrachten. Es geht von der Fiktion aus, dass Infrastrukturen gleichwertigen Zugang zu Inhalten vermitteln. Für DSL trifft das beispielsweise zu. Es ist wünschenswert, das Web-Angebot von "Spiegel online" über möglichst viele Wege erreichen zu können. Daher hat die Regulierungsbehörde für Telekommunikation unter anderem dafür zu sorgen, dass DSL-Anbieter, gleich ob mit eigenem Netz wie QSC oder als Reseller wie Freenet, nicht durch den Marktführer T-Com behindert werden.

Im Fernsehbereich ist das aber anders. Dort ist das Netz nicht abstrakter Zugangsvermittler zu beliebig vielen Inhalten, sondern selbst Inhaltsträger. Deswegen bewegen wir uns hier nicht mehr im Bereich von Technologie- und Wirtschaftsförderung, sondern im Kernbereich von Medienpolitik.

Welche Ziele Medienpolitik haben muss, hat das Bundesverfassungsgericht mehrfach ausführlich definiert. Schauen wir noch mal ins 81er Rundfunkurteil. Dort heißt es: "Es bedarf ... einer positiven Ordnung, welche sicherstellt, dass die Vielfalt der bestehenden Meinungen im Rundfunk in möglichster Breite und Vollständigkeit Ausdruck findet und dass auf diese Weise umfassende Information geboten wird. Um dies zu erreichen, sind materielle, organisatorische und Verfahrensregelungen erforderlich, die an der Aufgabe der Rundfunkfreiheit orientiert und deshalb geeignet sind zu bewirken, was Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes gewährleisten will."

Also ist nicht technischer oder wirtschaftlicher Infrastrukturwettbewerb, sondern inhaltliche Vielfaltssicherung - ich wiederhole: in möglichster Breite und Vollständigkeit - das oberste Ziel von Medienpolitik. Nur dies sichert auch unsere Produzentenlandschaft und ermöglicht neue Formate und Ideen. Wer nun ein zusätzliches Netz schafft, das für neue Vielfalt keinen Platz hat, trägt zu diesem Ziel nicht bei. Er kann das tun - aber er kann es nicht unter Vielfaltssicherung subsumieren und damit noch nicht einmal unter Medienpolitik.

Um das noch mal zu wiederholen: Es ist keine Medienpolitik im Sinne des Verfassungsauftrags, vorrangig ein Netz zu fördern, in dem beispielsweise der Nachrichtensender n-tv fehlt, Musiksender auf nur einen Kanal, nämlich VIVA, verdichtet werden sowie zahlreiche Bewerber um DVB-T-Frequenzen abgelehnt werden mussten.

Eine einseitige Schwerpunktsetzung auf DVB-T könnte sogar verfassungsrechtlich bedenklich werden. Denn es gibt Grenzen der Gestaltungsfreiheit, die auch netz- und medienübergreifend wirken. So hat das Bundesverfassungsgericht beispielsweise mehrfach betont, dass der Gesetzgeber keine Rundfunkpolitik machen darf, die die Presse in ihrer Leistungsfähigkeit beschränkt. Auch hat es im Nordrhein-Westfalen-Urteil entschieden, dass im Verhältnis zu den Privatsendern eine gewisse Systemkonsistenz einzuhalten ist - unzulässig wären Maßnahmen, die Privatfunk zwar neben öffentlich-rechtlichem Rundfunk zulassen, seine Veranstaltung gleichzeitig aber in hohem Maße erschweren würden. Also liegt es nahe, die Grenzen der wettbewerblichen Bevorzugung von DVB-T dann anzunehmen, wenn Kabel und Satellit - die ja potentielle Vielfaltsträger sind - durch rückgehende Nutzerzahlen in ihrer Leistungs- und Expansionsfähigkeit eingeschränkt würden. Ganz einfach ausgedrückt: Ein Mehr an Infrastrukturwettbewerb darf in der Gesamtsicht nicht zu einem Weniger an inhaltlicher Vielfalt führen.

Ich wollte Ihnen eigentlich nicht noch ein weiteres Argument in Sachen DVB-T präsentieren. Viel wichtiger ist mir nämlich der Umkehrschluss. Er lautet: Wenn es denn immerwährendes und verfassungsrechtlich gebotenes Ziel von Medienpolitik ist, Vielfalt zu schaffen, und zwar in möglichster Breite und Vollständigkeit, dann ist es nun höchste Zeit, dass sich die Politik mit der Zukunftssicherung des 58-Prozent-Netzes "Kabel" befasst.

Natürlich hat es bereits von sich aus eine gute Ausgangsposition für die Schaffung zusätzlicher Vielfalt, denn es verfügt als einziges Netz über Kundenbeziehungen - und die sind auch noch stabil. Denn der Hauptkunde des Kabels, die Wohnungswirtschaft, ist mit der langjährigen Praxis der Gestattungsverträge zufrieden. Die Alternativen wären ziemlich chaotisch. Sicherlich könnte sich die Wohnungswirtschaft durch eigene Satellitenantennen und eine neue In-House-Verkabelung vom Kabel abkoppeln. Doch der Aufwand wäre hoch und würde die Gewinn- und Verlustrechnungen auf Jahre belasten.

Außerdem hätte sich die Wohnungswirtschaft damit von der Wertschöpfung ausgeschlossen. Denn das Kabel erbringt Dienstleistungen, die beim Satelliten fehlen. Der Satellit ist ohne Zweifel stark und effizient bei der Technik, aber äußerst schwach, wenn es um Marketing und Verkauf gegenüber Endkunden sowie das Abonnenten- und Conditional-Access-Management geht. Er deckt nur einen Bruchteil der Wertschöpfungskette ab.

Am deutlichsten wird dies, wenn man einmal für einen Moment zur Konsumentensicht wechselt. Nutzer bekommen die Namen Astra und Eutelsat eigentlich nur zweimal mit: bei der Installation der LNBs und beim Sendersuchlauf des Receivers. Danach sind diese Firmen nicht mehr präsent. Dies macht sich zunächst darin bemerkbar, dass es keine Hotline gibt, bei der man sich über irgendetwas beschweren kann. Auch verfügen Satellitenbetreiber nicht über Ladenlokale und Außendienstler, die mit logogeschmückten Autos zu Hilfe eilen, wenn mal was nicht funktioniert. Am deutlichsten aber wird das Problem, wenn man als Satellitennutzer beschließt, ein verschlüsseltes Programm zu abonnieren. Es gibt keine zentrale Stelle dafür. Der Nutzer muss mit unterschiedlichen Verschlüsselungssystemen kämpfen. Er braucht sowohl Interfaces wie auch die eigentlichen Zugangskarten. Das Ganze bekommt er auch oft nicht in Deutschland, sondern nur per Angabe der Kreditkartennummer im Ausland. Will ein Zuschauer zwei oder drei Programme abonnieren, muss er das Ganze zwei oder drei Mal machen - der Satellit packetiert nicht. Das Fazit: Aus Sicht des Konsumenten wirken Satellitenbetreiber wie Außerirdische, die ihr Büro irgendwo im geostationären Orbit haben.

Wie einfach ist demgegenüber das Kabel: Wir haben, und diese Leistung wird allgemein zu wenig gewürdigt, in Deutschland ein einheitliches Conditional-Access-System. Egal, wo Sie eine Set-Top-Box mit einem Verschlüsselungssystem kaufen - Sie können sie für neue Kabelprogramme genauso nutzen wie für Premiere, und zwar (dies dürfte inzwischen ziemlich eindeutig sein) überall in Deutschland. Und das Kabel bietet einen Ansprechpartner für alles, gleich ob Sie nur ein einzelnes ausländisches Programm oder mehrere verschiedene Angebote abonnieren wollen. Dazu brauchen Sie weder eine Kreditkarte noch eine Vielzahl von Zugangsberechtigungen - ein Anruf beim oder eine SMS an den Kabelnetzbetreiber genügen.

Das erweitert unsere Feststellung von vorhin: Das Kabel ist nicht nur als Verbreitungsweg unverzichtbar, sondern ist als einziges Netz auch in der Lage, auf einfache Weise Produkte zu vermarkten. Es ist eben nicht Transporteur, sondern Wertschöpfer. Anders ausgedrückt ist es das einzige Netz, das Abonnements generieren kann. Und zwar kostengünstig, denn da reicht einmal Marketing für alle.

Schließlich und endlich ist das Kabel auch noch als einziges Rundfunknetz multimediafähig - und diese Eigenschaft behält es, auch wenn Kabel Deutschland ihr aus finanziellen Gründen noch kein großes Gewicht beimisst und die Reduzierung der Clustergrößen, die Erweiterung des Frequenzspektrums und die Einrichtung von Rückkanälen im Eigennetz vernachlässigt. Festzuhalten bleibt: Das Kabel kann neben Broadcast auch Punkt-zu-Punkt, und zwar mit Video-Datenraten. Das kann der Satellit nicht (zu große Cluster), DVB-T nicht (zu geringes Frequenzspektrum) und selbst UMTS und öffentliches WLAN können es nicht, denn garantierte Bandbreiten im Megabit-Bereich sind dort nicht zu erwarten.

Migration im Kabel
Ich weiß, dieser Teil des Vortrags war ein bisschen lang, aber mir kam es darauf an, Ihnen zunächst noch einmal zu verdeutlichen, dass das Kabel alle notwendigen Voraussetzungen mitbringt, um eine Medienzukunft zu schaffen, in der Vielfalt, interessenorientierte Angebote und auch interaktive Inhalte nicht nur entstehen, sondern auch erfolgreich vermarktet werden können.

Nun wissen Sie alle, dass die Mindestvoraussetzung dafür ist, die Digitalisierung über die Bühne zu bringen. Lassen Sie uns einmal überlegen, ohne damit Forderungen zu verbinden, welche Szenarien es geben könnte, die Migration von analog zu digital zu bewältigen.

Die erste und effektivste Möglichkeit bestünde darin, den analogen Teil des Kabels - wie bei DVB-T - von einem Tag auf den anderen abzuschalten. Dies würde natürlich nicht nur ein paar tausend, sondern jetzt ein paar Millionen Haushalte in Verwirrung stürzen. Ausgerechnet das Kabel, das bisher so bequem war und als einziges Netz keinerlei Zusatzgerät zum Fernseher erforderte, würde damit zum Problemfall. Das sähe die Wohnungswirtschaft natürlich nicht gerne und die Netzebene 4 auch nicht. Außerdem würde es die größte Marketing-Aktion erfordern, die die Mediengeschichte je gesehen hat - dagegen würden die Kosten der Vodafone-Mannesmann-Kampagne wie Peanuts wirken. Freilich ist andererseits zu bedenken, dass das Problem irgendwann sowieso kommt, wenn es denn mit dem Totalumstieg in 2010 ernst sein soll.

Die zweite Option wäre, und das hat KDG-Chef Roland Steindorf bei der ANGA Cable Convention 2003 ja ursprünglich mal verkündet, jedes Jahr eine geringe Zahl analoger Kanäle abzuschalten. Dies wäre ein sukzessives Platz-Schaffen für digitale Angebote und gleichzeitig die sukzessive Generierung von Anschaffungsbedarf von Set-Top-Boxen.

Beide Optionen hat die KDG ziemlich schnell wieder fallen lassen - wie mancher meint, zu schnell, denn jetzt haben wir die Situation, dass wir nur noch über die Minimallösung reden. Und selbst die ist gefährdet.

Diese Minimallösung besteht darin, im analogen Bereich alles beim Alten zu lassen und nur die noch freien Kapazitäten in den Kabelnetzen mit neuen Digitalprogrammen zu belegen. Doch auch mit dieser Variante kommt KDG nicht recht weiter, weil die Privatsender, jedenfalls in Form ihrer Vertretung VPRT, bislang weder zu Simulcast - also der Parallelausstrahlung analog / digital - noch zur Grundverschlüsselung ihre Zustimmung gegeben haben.

Wir müssen an dieser Stelle einmal rekapitulieren, wozu die Grundverschlüsselung eigentlich dient und warum sie von manchen etablierten Sendern so gefürchtet wird. Bei diesem Thema wird in der Branche meist hemmungslos am Kern der Wahrheit vorbeigeredet. Kabelnetzbetreiber, die die Grundverschlüsselung wollen, sagen, es ginge um das Ausfiltern von Schwarzsehern. In Wirklichkeit geht es darum nur ganz periphär. Das unter Strafe gestellte Überbrücken von verplombten Übergabepunkten ist ein Problem, das wir schon seit 20 Jahren haben - und es ist nicht wirklich relevant. Glauben Sie mir, kein Kabelnetzbetreiber würde allein wegen der Lösung dieses Problems die Mühe auf sich nehmen, teurere Set-Top-Boxen mit CA-System in den Markt zu bringen, ein Subscriber-Management einzuführen und Zugangskarten zu verteilen. Dazu ist der Technik-, Personal- und Verwaltungsaufwand viel zu hoch; wesentlich günstiger ist es, nach dem Prinzip zu verfahren "Etwas Schwund ist immer."

Die etablierten Fernsehsender hingegen argumentieren, durch die Grundverschlüsselung würden sie an Reichweite verlieren. Auch das ist unlogisch, weil ja Simulcast fester Bestandteil einer Grundverschlüsselungsvereinbarung ist. Mit anderen Worten: Jeder Fernsehsender behält seinen analogen Kabelplatz und erhält zusätzlich einen digitalen. Da ist, selbst bei kreativster Anwendung von Mathematik, kein Reichweitenverlust erkennbar.

Dennoch ist das Argument im Kern richtig. Natürlich verlieren etablierte Sender Reichweite - und zwar durch den zunehmenden Wettbewerb, der durch neue ins Kabel eingespeiste Programme entsteht. Nur ist das kein Argument gegen Grundverschlüsselung, sondern gegen die Digitalisierung schlechthin. Manche Privatsender, machen wir uns nichts vor, verweigern die Grundverschlüsselung daher vor allem deswegen, weil sie wissen, dass nur sie die Refinanzierung der Digitalisierungskosten der Kabelnetzbetreiber ermöglicht. Die Sender spekulieren darauf, dass es ohne Grundverschlüsselung gar nicht zur weiteren Digitalisierung kommt, jedenfalls nicht als Massenmarkt-Effekt.

Wozu dient die Grundverschlüsselung also wirklich? Das ist ganz einfach zu verstehen. Vergleichen Sie mal den Zustand ohne und mit Grundverschlüsselung. Ohne Grundverschlüsselung heißt: Alle bisherigen Sender sind mit einfachen Free-to-Air-Receivern empfangbar. Dann entscheiden sich die Manager von Lidl, Aldi und Plus natürlich für den Verkauf solch einfacher und preiswerter Boxen. Lassen Sie uns mal auf einen alten Bekannten zurückgreifen: Kabulske, seit Jahren mein Prototyp des Fernsehzuschauers, ein erfundenes Ruhrgebiets-Original aus Glabotki, hat drei Fernseher zu Hause - ein Gerät steht im Wohnzimmer, eines im Schlafzimmer, eins im Kinderzimmer. Also kauft Kabulske bei Aldi drei Free-to-Air-Boxen. Zwei Monate später fängt er an, sich für ein paar zusätzliche Abo-Programme zu interessieren, sagen wir mal zu den Themen Sport und - ehefraubedingt - Kochen. Die kann er mit seiner Free-to-Air-Box aber nicht empfangen. Ob Kabulske jetzt wirklich zum Mediamarkt aufbricht und neue Boxen kauft?

Jetzt der Zustand mit Grundverschlüsselung: Allein mit Free-to-Air-Boxen kann man dann keine Privatsender empfangen, also kauft auch kein Verantwortlicher von Lidl, Aldi und Plus die Dinger ein, sondern bringt nur Boxen mit CA-Modul ins Regal. Das heißt: Jeder, der auf digital umsteigt, kann mit seiner neuen Box dann alles empfangen. Und die Entscheidung über das Abonnement eines zusätzlichen Senders, eines Premiere-Angebots oder eines Near-Video-on-Demand-Films fällt eben nicht am Point of Sale, sondern daheim im Wohnzimmer. Links das Glas Rotwein, rechts die Käseecken, in der Mitte die Fernbedienung - da ist man schnell dabei, mal einen Kanal zu abonnieren, das Vollerotik-Video abzurufen oder ein Fußballspiel freischalten zu lassen. Denn das wichtigste Kriterium ist auch für Kabulske erfüllt: Er kann das per Telefon tun, dabei sitzen bleiben und läuft nicht Gefahr, die Schüssel mit den Erdnüssen umzuwerfen.

Nun frage ich Sie: Wenn Sie Kabelnetzbetreiber wären und genau wüssten, dass Sie hunderte von Millionen Euro in die Digitalisierung stecken müssen, die Sie nur wieder zurück bekommen, wenn Sie auch Abopakete verkaufen, was würden Sie tun: Würden Sie noch ein Zugeständnis machen und auf die Grundverschlüsselung verzichten - also das alte Premiere-Problem wiederholen: Wer auch nur ein Fitzelchen Premiere sehen wollte, brauchte eine neue Box - oder würden Sie auf der Grundverschlüsselung beharren?

Freilich habe ich das Problem insofern zu schwarz-weiß dargestellt, als es "die Fernsehsender" gar nicht gibt. Neue Veranstalter und auch die kleineren unter den Etablierten - RTL2 zum Beispiel - sind sehr wohl damit einverstanden, das Abonnieren zusätzlicher Angebote durch Verlagerung der Abonnemententscheidung ins Wohnzimmer zu vereinfachen. Und selbst Haim Saban scheint ja bereit zu sein, für seine Senderfamilie über neue Wege nachzudenken. Im SPIEGEL mokierte Saban sich neulich darüber, überall auf der Welt bekomme er für seine Programme Geld, nur in Deutschland müsse er für die Verbreitung zahlen. Sehen wir mal davon ab, dass der Kabelanschluss in Deutschland auch zweieinhalb Mal billiger ist als in den USA und filtern wir das Entscheidende heraus: Genau das, nämlich für die Programm-veranstalter Programme zu vermarkten und ihnen logischerweise dann auch Geld für Inhalte zu zahlen, genau das bietet Kabel Deutschland den Sendern ja gerade an!

Übrigens haben auch ARD und ZDF nicht ganz die Wahrheit gesagt, als sie den Einspeisungsvertrag mit den Kabelnetzbetreibern kündigten - da war in den Presseerklärungen viel von MHP die Rede und auch von einer Ablehnung der Grundverschlüsselung. Die aber hatte der COO von KDG, Christof Wahl, bei der Februar-Ausgabe der Euroforum-Konferenz "Die Zukunft der Kabel-TV-Netze" schon längst offiziell akzeptiert. Und wenn man genau liest, was am Ende der Verhandlungen rauskam, unterscheidet sich das so gut wie nicht vom status quo, der schon vorher galt. Auch MHP wurde wieder nur als Option erwähnt und diesmal sogar ziemlich am Rande.

Wir können also gespannt sein, wie dieser Diskussionsprozess weiter geht. Die Netzebene 4 hat dabei übrigens eine etwas andere Haltung. Sie sagt überwiegend, sie wolle keine Grundverschlüsselung. Klar, sie hat ja auch überwiegend keine Inhalte und ist nicht gerade erpicht darauf, dass KDG eine inhaltliche Kundenbeziehung parallel zu ihrer eigenen technischen aufbaut. Freilich könnte sich diese Position mit Kooperationsverträgen wie dem kürzlich geschlossenen zwischen KDG und Tele Columbus ändern, denn dieses Modell macht die NE4 zum Reseller mit eigenen Interessen am Vertrieb der KDG-Pakete.

Kleinere NE4-Betreiber würden im Grunde gerne alles belassen, wie es ist. Die Cash Cow Kabel arbeitet ja noch. Allerdings ist das "Noch" dabei entscheidend. Ein Satellit, der immer mehr digitalisiert, ein DVB-T, das nichts kostet, und ein DSL - darauf komme ich gleich - das immer deutlicher auf den Fernseher zielt, werden das gute alte analoge Kabel derartig in die Zange nehmen, dass es bald wie ein Großmütterchen im Lehnstuhl wirkt.

Mein Appell an die NE3-Betreiber ist, hart zu bleiben. Freilich muss das Thema "Freischaltgebühr" fürs Digitale vom Tisch - Wünsche nach Simulcast und Grundverschlüsselung einerseits und einer Freischaltgebühr andererseits vertragen sich nicht.

Übrigens: Wenn es denn im Extremfall so sein sollte, dass es beim Nein zur Grundverschlüsselung bleibt, dann stellt sich auch die Frage, ob Simulcast überhaupt Sinn macht. Denn wenn die schrittweise und sehr einfache Hinführung von Zuschauern zum Digitalen - also das Wohnzimmermodell - ohnehin nicht mehr möglich oder doch wesentlich erschwert ist, bleibt den Kabelnetzbetreibern ja nur der Weg, mit vielen neuen und zusätzlichen Programmen zu winken. Aus Sicht des Nutzers mutiert die Umstiegsentscheidung (analog/digital) also zur Ergänzungsentscheidung (mehr Programme), zu der die alten Sender logischerweise nicht beitragen. Dann kann man auch darauf verzichten, sie digital auszustrahlen. Es ist nicht schön für den Kunden, dass er dann zwei Fernbedienungen braucht, wenngleich Premiere-Kunden das schon lange kennen; aber wenn es denn entscheidend darauf ankommt, den Nutzer mit so vielen zusätzlichen Inhalten wie möglich fürs Digitale zu gewinnen, sind 35 weitere Digitalkanäle, die durch den Verzicht auf Simulcast frei würden, sicher ein nicht unwichtiges Argument.

So weit wollen wir nicht gehen. Ich bleibe daher beim Eigentlichen: Es ist höchste Zeit, dass wir jetzt einen Zukunftsentwurf machen. Und dabei kommt dem Kabel eine entscheidende Rolle zu. Deswegen appelliere ich an die Politik, die Landesmedienanstalten und alle, die es angeht: Nutzen Sie die letzte Chance in Deutschland, das Kabel modern zu machen. Die gibt es jetzt, im Jahr 2004. Wenn die Migration aber durch Nichtstun so dahin schleicht und die Digitalisierung scheitert, soll anschließend niemand kommen und sagen, es sei doch eigentlich schade und überraschend zudem.

Freilich macht es die KDG der Politik natürlich auch nicht leicht. Die Übernahme der anderen Kabelregionen ist zwar bei weitem nicht so problematisch wie seinerzeit der Liberty-Fall. Aber nötig ist sie nicht; sie dient vor allem der Verschönerung der Braut. Alle thematischen Kooperationen, zum Beispiel bei Boxen, Verschlüsselung, Programmpaketen und Marketing, sind auch vertragsrechtlich möglich und erfordern keinen Zusammenschluss. Als Warnsignal mag uns die Fusion allerdings in ganz anderem Sinne dienen. Die Frage ist nämlich: Was geschieht danach? Eine Variante ist, die deutschlandweite KDG anschließend an die Börse zu bringen. Ach, das wird spaßig - man wird wieder monatelang brauchen, um texanischen Investoren die Trennung der Netzebenen zu erklären. Die zweite Variante aber ist, dass das neue Großgebilde am freien Markt verkauft wird, sobald die Summe aus Cash-Flow-Entzug und Kaufpreis die angelaufenen Investitionskosten deutlich übersteigt. Dies ließe erhebliche Rückschlüsse auf die bis dahin zu betreibende Unternehmenspolitik zu; sie wäre in erster Linie auf laufende Einnahmen und nicht auf die Zukunft orientiert.

DSL
Doch komplettieren wir das Bild mit DSL. Die Einführung von DSL, das kann man ohne Zweifel sagen, ist die Erfolgsstory im Bereich der Digitalisierung. Wer hätte gedacht, dass der Umstieg vom analogen Modem mit dem nur kurzen Zwischenschritt ISDN auf DSL in einem so rasanten Tempo ablaufen würde? Und die Prognosen sind anspruchsvoll: T-Com und T-Online haben sich zum Ziel gesetzt, in zweieinhalb Jahren die Zahl der DSL-Haushalte auf zehn Millionen zu erhöhen.

Was ist es eigentlich, das DSL so erfolgreich macht? Zum einen die Netzstruktur: Vollabdeckung mit Telefonleitungen, Clustergröße 1, Rückkanal selbstverständlich, Bandbreitenspielraum noch nicht ausgeschöpft - so gute Startbedingungen hatte kein anderer Übertragungsweg. DSL ist aufgrund dieser Struktur das geborene Breitbandnetz. Zum zweiten schafft DSL ein geradezu befreiendes Breitbanderlebnis, indem es als always-on-Dienst den permanenten Internet-Zugriff ohne Verbindungsaufbau ermöglicht und damit situationsbezogen Nutzen schafft. Zum dritten öffnet DSL auch das Tor zu weiteren, bislang kaum realisierbaren Angeboten, von Bewegtbildinhalten über latenzfreies Spielen bis hin zur IP-Telefonie. Schließlich, viertens, ist DSL erfolgreich, weil es einen hohen Wettbewerbsdruck gibt, bislang nicht so sehr beim Netz, sondern hauptsächlich beim Dienst, demnächst aber, durch die TKG-Novelle, beim Netz und beim Dienst. Es ist ziemlich preiswert geworden, DSL zu nutzen. Vor ein paar Tagen hat mein DSL-Provider QSC sogar die Leistung verdoppelt, ohne die Preise zu erhöhen. Das lobe ich mir.

Wenn man das alles zusammen nimmt, gibt es am weiteren Erfolg von DSL beim Weg auf die PCs keinen Zweifel. Was dann auch in der Tat die Frage aufwirft, ob eine lang dauernde Aufrüstung des Kabels noch rechtzeitig käme. Wer jetzt nicht schon im Markt ist, der wird es schwer haben, noch erfolgreich einzutreten.

Aber sprechen wir einen Moment mal über den D-Day. Das ist der Tag, an dem DSL das Wohnzimmer erobert. Ein Spähertrupp ist ja schon da. Aber das Angebot von T-Online Vision on TV vermag noch keine Massenmärkte auszulösen. Dafür sind die Activy-Boxen von Fujitsu-Siemens noch zu teuer, dafür ist der Nutzen noch zu gering. Gleichwohl ist dieser Schritt aus Sicht von T-Online strategisch richtig. Bei dieser Gelegenheit: Ein weiterer Vorteil von DSL ist, dass DSL-Betreiber keine Gestattungsverträge mit der Wohnungswirtschaft brauchen, obwohl man sicher auch mal an eine juristische Hausarbeit denken könnte zum Thema "Eigentumsübergang der Telefonleitung auf den Vermieter nach § 946 BGB durch Verbindung der beweglichen Sache Kupferdraht mit dem Gebäude". Aber vergessen Sie's wieder: Das verkompliziert alles noch mehr.

Georg Kofler hat neulich bei der ANGA Cable Convention 2004 die Aktivitäten von T-Online als "Hollywood aus Darmstadt" bezeichnet. Interessanterweise kündigte er gleichzeitig an, aus Unterföhring Premiere über DSL anzubieten. Und natürlich hat er ebenfalls das Fernsehgerät im Visier. Da haben wir also schon den zweiten großen Player, der DSL als Weg ins Wohnzimmer sieht. Nur besteht der kleine aber feine Unterschied darin, dass T-Online einzelne Videos on Demand überträgt, Premiere aber mindestens mittelfristig an der Verbreitung seiner kompletten Programme interessiert sein wird.

Dass das technisch möglich ist, weiß man inzwischen. Einer der großen Vorteile von DSL ist, dass wir es mit dedicated und nicht shared access zu tun haben. "Shared access", also Bandbreitenteilung, ist in jedem anderen Netz notwendig. Der Satellit ist, soweit er Internet-Inhalte pusht, shared, das Kabel, soweit aufgerüstet, ist shared, UMTS ist shared, public WLAN ist shared. DVB-T fällt sowieso raus, weil es überhaupt keine Punkt-zu-Punkt-Verbindung aufbauen kann, weder dedicated noch shared.

Diese Einzigartigkeit von DSL muss man mal einen Moment weiterdenken. Ein baden-württembergisches Unternehmen hat bereits vor zwei Jahren ein Verfahren zum Patent angemeldet, das die stets bestehende und quasi garantierte 1 zu 1 Verbindung von DSL für ein verblüffend einfaches Konzept nutzt. Es besteht darin, absolut dumme und daher extrem preiswerte Set-Top-Boxen einzusetzen, die nur abbilden, was auf einem Server geschieht. Der Nutzer steuert mit seiner Fernbedienung in Wahrheit daher auch nicht die Set-Top-Box, sondern den entfernten Server. Das ist das alte Terminal-Prinzip, das Sie vom Lufthansa-Schalter im Flughafen kennen, nur weitergedacht. Die Vorteile einer solchen Lösung sind eklatant: Die Box kostet fast nichts, kann aber alles. Die Kombination von Server und Endgerät dient als Fernseher mit beliebig vielen Programmen ohne je einem Kanalmangel zu unterliegen (denn es wird ja immer nur ein Programm übertragen), ferner als Personal Video Recorder, Musikplayer, Spielekonsole und Monitor für den Internet-Zugang. Da die Intelligenz im entfernten Serverraum lokalisiert ist, wie bei der Lufthansa auch, lassen sich Applikationen verwirklichen, gegen die MHP-Dienste zur Bedeutungslosigkeit verblassen. Und die Box selbst bedarf nie eines Updates.

Zwar kann diese Entwicklung auch im aufgerüsteten Kabelnetz eingesetzt werden; zwar ist sie auch geeignet, mit PCs zusammenzuarbeiten - aber am Beispiel DSL wird sehr deutlich, dass intelligente Lösungen zur Verfügung stehen, um Kabel und Satellit nicht nur zu ergänzen, sondern, Sie ahnen es, zu ersetzen. Arcor hat für die nächste Euroforum-Kabeltagung im September übrigens genau dazu ein Referat angekündigt; Produktmanagement-Chef Robert Hoffmann wird dort sagen - es steht im gedruckten Tagungsprogramm, daher darf ich es verraten - Zitat: "durch Vielfalt, Personalisierung und Komfortfunktionen im Netz bietet DSL in fünf Jahren das moderne Unterhaltungsprogramm".

Also, irgendwann zwischen heute und in fünf Jahren könnte der D-Day von DSL kommen. Manche sehen das als Befreiung, manche als Bedrohung. Aber eines ist klar: Wenn das geschieht und DSL als Fernseh- und Multimedianetz auftritt, können sich Kabel und Satellit Gedanken über ihre Altersversorgung machen. Es sei denn, jetzt läuft es umgekehrt und das Kabel ist schneller. Das kann es noch schaffen, aber die Zeit wird knapp.

Fazit
Was hatte ich angekündigt? Die Momentaufnahme des Programms zu nutzen und unter Außer-Acht-Lassung aller Höflichkeiten, diplomatischen Rücksichtnahmen und beratungstaktischen Überlegungen das Thema zu behandeln - das habe ich ohne Zweifel geschafft, niemand lädt mich wieder ein - und es so meinungsfreudig zu behandeln, dass die anschließende Podiumsdiskussion mit einiger Wahrscheinlichkeit aus dem Ufer laufen wird. Na schauen wir mal, was passiert.

Aber ich glaube, Ihnen ist auch klar geworden, dass jetzt Schluss sein muss mit den einseitigen Weichenstellungen, den abwartenden Haltungen und den verbrämten Darstellungen. Die Entscheidungen der nächsten Monate werden unsere Medienlandschaft auf lange Zeit prägen. Es geht um nicht weniger als die Frage, ob es in Deutschlands Fernseh- und Multimediawelt leistungsfähigen Wettbewerb geben wird. Ob es mehr Vielfalt gibt, neue Angebote, innovative Dienste und neuen Nutzen. Und dabei geht es auch um viel Geld. Wer glaubt, er sollte es besser sparen, gleich ob als Kabelnetzbetreiber oder als Fernsehsender, der wird einen Vorzeichenwechsel erleben, der ihn um Kopf und Kragen bringen kann. Die Digitalisierung ist nötig, sinnvoll und schafft eine inhaltsreiche Zukunft. Und wir wissen alle: Noch mal verschieben geht nicht. Die Frage lautet: Jetzt oder nie. Meine Antwort heißt: Jetzt!