Werner Lauff
Der Zuseher am Drücker
Vortrag bei den Österreichischen Medientagen
am 24. September 2008 in Wien
 

Meine Damen und Herren,

vor ein paar Wochen waren Freunde bei uns zu Gast. Die Rede kam auf Paul Potts. Das ist jener Mann aus einem Vorort von Bristol, der als Mobiltelefonverkäufer für "The Carphone Warehouse" arbeitete, aber liebend gerne Opernsänger geworden wäre. Im Juni 2007 nahm er an der britischen Castingshow "Britain's Got Talent" teil. Er sang Nessun Dorma von Puccini. Schon bei den ersten Takten riss er Jury und Publikum zu Beifallsstürmen hin. So war es auch in allen weiteren Ausscheidungen. Er gewann den Wettbewerb, erhielt 125.000 Euro Preisgeld und einen Plattenvertrag von Sony BMG.

Unsere Freunde kannten Paul Potts nicht. Kein Problem, sagten wir. Nach einer Minute stand der eeePC auf dem Wohnzimmertisch. www.youtube.com, Suche: Paul Potts. 2.260 Videos. Das ganze Programm - von der Vorausscheidung bis zum Finale. Alle Auftritte der Folgezeit. Interviews. Sogar eins mit seinem Zahnarzt. Dann entdeckten wir noch andere Themen, die uns gemeinsam interessierten. Das Urlaubsziel Portugal zum Beispiel oder die Zuneigung zur luxemburgischen Köchin Lea Linster. Natürlich fanden sich auch dazu jede Menge Videos. Acht Hände glitten abwechselnd übers Touchpad. Unsere Finger navigierten durch die Medienwelt. Wir Zuseher waren am Drücker.

Damit sind wir beim Titel dieser Veranstaltung angekommen. Und auch bereits am Ende eines ganzen Themenspektrums. Denn wenn wir uns die Spielarten neuen Fernsehens anschauen, dann kann man eine Skala bilden

vom streng Geordneten, Veranstalteten, programmlich Konzipierten

darunter fallen digitale Abonnementspakete, Plattformen fürs mobile Fernsehen, walled garden-Dienste auf der letzten DSL-Meile und lineare Spartenkanäle in digitalen Netzen

über Dienste und Inhalte im Internet mit redaktioneller Auswahl, Zuschauer-Guidance und einem gewissen Marketingaufwand

darunter fallen die Mediatheken von ARD und ZDF, Maxdome, Zattoo, TVU, Joost, auch Streaming-Angebote im Web

bis zu anarchischen, allenfalls durch Suchfunktionen systematisierbaren Konfetti-Plattformen

wie YouTube und seinen vielen Pendants.

Der Veranstalter, bei dem ich mich sehr herzlich für die Einladung bedanke, möchte nun zu Recht gerne wissen, ob überhaupt eine und wenn ja welche dieser Erscheinungsformen die Fernsehwelt revolutionieren werden. Weil man Revolutionen auch in Österreich doch gerne vorher kennt, damit man sich darauf einstellen kann.

Das Geordnete
Beginnen wir mit dem streng Geordneten, Veranstalteten, programmlich Konzipierten. Und der Vorbemerkung, dass begriffliche Voraussetzung für revolutionäre Entwicklungen ihre Adaptation durch eine nicht nur unwesentliche Zahl von Protagonisten ist.

Insofern ist die Frage zu stellen, ob sich denn eigentlich dort, wo allabendlich die meisten Menschen versammelt sind, nämlich vor dem Fernseher im Wohnzimmer, etwas Revolutionäres anbahnt oder mindestens etwas Ungewöhnliches abspielt.

Die Antwort ist wohl eher negativ. Dies gilt zumindest für das Land, aus dem ich komme, das ist bekanntermaßen das Nachbarland Deutschland, auf das ich mich im Folgenden gerne beschränken möchte. Zwar haben viele Zuseher ein vertragliches Bekenntnis zur neuen Art des geordneten Fernsehens abgegeben. Sie haben beispielsweise auf die ersten Anzeigen der SES Astra reagiert und einen Satelliten-Bezahlfernseh-Vertrag mit Entavio oder Premiere Star abgeschlossen. Oder sie haben bei einem Kabelnetzbetreiber eines der digitalen Programmpakete abonniert.

Damit bekommen sie, das ist ohne Zweifel Fortschritt, aus einer Hand mit einer Rechnung zuverlässig und regelmäßig mehr Programme ins Haus als bisher - und die meisten davon sogar werbefrei.

Aber zum einen lässt sich das weder unter Revolution subsumieren, noch ist der Zuseher damit in irgendeiner Form am Drücker, vom Ein-/Aus-Drücker mal abgesehen.

Revolutionär ist das auch deswegen nicht, weil wir immer noch den Mangel verwalten. Für die Besitzenden ist das ausgesprochen gut. Große Sender brauchen keine große Konkurrenz zu fürchten. Und die kleinen Sender verteilen die Einnahmen aus den Paketentgelten zehncentweise unter sich. Störend ist da allenfalls die zuweilen von Kabelnetzbetreibern geforderte Exklusivität; sie beschränkt die Entfaltungsmöglichkeiten der eingespeisten Sender. Ein wirkliches Problem aber haben die neuen und kleinen Sender, die keinen Zugang zu den Kabelpaketen bekommen, zum Beispiel weil der Kabelnetzbetreiber das Programm für nicht attraktiv genug hält oder selbst an einem thematisch konkurrierenden Veranstalter beteiligt ist. Diese Sender ohne Kabelnetzzugang wünschen sich inzwischen eine Rückkehr zur weitgehenden Regulierung der Netzbelegung durch die Aufsichtsbehörden für den privaten Rundfunk.

Doch dies ist bereits eine Klage auf niedrigem Niveau. Eigentlich hatten Politiker, Verbände und die neuen Sparten- und Themensender das Ziel vor Augen, ganz Deutschland von analog zu digital zu migrieren. Konkrete Umschaltzeitpunkte waren bereits genannt. Ein solcher harter Umstieg würde den Frequenzmangel auf einen Schlag beseitigen und die Grundgesamtheit für digitale Sender massiv erhöhen. Doch davon sind wir heute weiter entfernt als je zuvor.

Das Problem entsteht vor allem beim Kabel. Es versorgt mehr als die Hälfte der deutschen Haushalte mit Fernsehsignalen, trägt zur Digitalisierung aber nur wenig bei. Meist können die Kabelnetzbetreiber nur die an entgeltpflichtigen Programmpaketen interessierten Zuseher zum Wechsel von analog zu digital motivieren - und da nähert man sich dem Grad der Sättigung. Insofern produzieren die deutschen Kabelnetzbetreiber lediglich ein "digitales Grundrauschen".

Dies hat übrigens - wie kürzlich auch eine Studie des Hans-Bredow-Instituts herausgestellt hat - wenig mit der Tatsache zu tun, dass alle großen Kabelnetzbetreiber inzwischen Finanzinvestoren gehören. Ausschlaggebend sind vielmehr wirtschaftliche und strategische Überlegungen. Erstens: Analoges Fernsehen (damit auch Fernsehen ohne Box) ist der USP des Kabels. Warum soll man ihn ohne Not aufgeben? Zweitens: Der Hauptkunde des Kabels, die Wohnungswirtschaft, will keine analoge Abschaltung. Warum soll man diese Kundenbeziehung gefährden? Und drittens: Ein Netz ohne Mangel macht die Gatekeeper-Position der Netzbetreiber zunichte. Warum sollte man die jetzige Situation nicht noch länger auskosten?

Parallel vermarkten die Kabelnetzbetreiber intensiv das "Triple Play" oder sogar isoliert schnellen Internetzugang ohne Bündelung mit Fernsehen und Telefonie. Dies geht bekanntlich nur in aufgerüsteten Netzen. Nebenwirkung der Aufrüstung der Netze ist es, dass sich dadurch das Frequenzspektrum erweitert und die Zahl der Kanäle für digitale Programme wächst. Aber auch diese Aufrüstung erfolgt nicht in dem Maße und der Geschwindigkeit, dass der Kanalengpass im Kabel alsbald als überholt angesehen werden könnte.

Beim Satelliten sieht die digitale Nutzung zwar deutlich besser aus. Doch revolutionär geht es auch da in Sachen Rundfunkversorgung nicht zu. Der erste Versuch, die analoge und die digitale unverschlüsselte Übertragung demnächst zu beenden und damit die Ausstattung der deutschen Haushalte mit Smartcard-Receivern faktisch zu erzwingen - das wäre wahrlich revolutionär gewesen! -, ist am Bundeskartellamt und am Protest derjenigen Ministerpräsidenten gescheitert, die sich gelegentlich mit Medienpolitik beschäftigen. Der Vorstoß war allerdings auch kommunikationstaktisch desaströs vorbereitet und traf außer den großen Privatsendern nahezu die gesamte Fachöffentlichkeit unvorbereitet.

Mit Entavio hat die SES Astra dann zwar den tapferen Versuch gemacht, wenigstens eine einheitliche Plattform für verschlüsseltes Fernsehen zu errichten - und gehofft, viele inhaltliche Paketanbieter würden sie alsbald nutzen. Doch hält sich die Nachfrage der Programmanbieter in Grenzen. Und die Zuschauer waren vom Argument "Eine Box für alles" nicht zu begeistern. Dies liegt wohl vor allem daran, dass die meisten überhaupt nicht verstanden, warum sie denn überhaupt eine neue Smartcard-fähige und damit Signale entschlüsselnde Box erwerben sollten. Für sie ist der Satellit traditionell kostenlos und das Angebot an digitalen Free-TV-Sendern mehr als ausreichend.

Aus diesem Grund ist die Ausgangslage auch für Fernsehen via DSL in Deutschland nicht gerade günstig. Selbst über die analogen Versionen von Kabel und Satellit lassen sich 30 bis 35 Programme empfangen; durch den einfachen Umstieg auf digitale Boxen weitaus mehr. IPTV über DSL ist also nicht, wie in anderen Ländern Europas, der lang ersehnte Vielfaltsbringer, sondern unter dem Gesichtspunkt der Rundfunkversorgung zunächst nichts anderes als ein weiteres Netz. Der Wechsel zu diesem neuen Netz ist oft mit Hindernissen verbunden: Der DSL-Anschluss ist selten da, wo der Fernseher ist. Viele Mieter, die IPTV abonnieren, zahlen doppelt, weil die Kosten für den Kabelanschluss als Mietnebenkosten abgerechnet werden und sie das Kabel nicht kündigen können. Und bei mehreren Fernsehgeräten, die parallel betrieben werden sollen, wird die Sache schwierig. Abgesehen davon tragen negative Nachrichten über die Deutsche Telekom, vom Datenschutz bis zum Abbau von Callcenter-Plätzen, nicht zum Vertrauen bei - zumal selbst der Umstieg von T-DSL und einem T-Home-Telefonanschluss auf T-Entertain offenbar nicht immer reibungslos klappt.

Wer diese Hürden überwunden hat, schwärmt freilich von den Möglichkeiten, die das neue Fernsehen via DSL bietet. Besonders bei T-Entertain werden das TV-Archiv, der Elektronische Programmführer, der digitale Videorekorder, das zeitversetzte Fernsehen und die HDTV-Inhalte für VDSL-Kunden gelobt. Übrigens: Wer VDSL hat, preist natürlich noch etwas ganz anderes: den unglaublich schnellen Datendownload am PC und die Upload-Geschwindigkeit von bis zu 10 Megabit pro Sekunde. Für viele ist dieses Nebenprodukt der wahre Vorteil von IPTV.

Zwei Themen möchte ich nur kurz erwähnen. Zum einen: Seit Jahren gibt es ein alle Netze betreffendes Thema, das zu den Evergreens von Medienkongressen gehört; es ist die Frage der Interaktion zum laufenden TV-Programm. Wie Sie wissen ist MHP in Deutschland von Versuchen abgesehen nicht verwirklicht worden. Weitere Initiativen zum interaktiven Fernsehen wie Betty sind gescheitert. Bluecom, das Angebot von SES Astra, ist (weil boxenabhängig) eng mit dem Thema Digitalisierung verbunden und kann von sich aus keinen großen Fortschritt machen. Allein IPTV könnte mit einfachen Mitteln die Interaktivität beflügeln, weil über DSL bereits Punkt-zu-Punkt-Verbindungen mit Rückkanal bestehen. Aber auch dort ist das Thema erst einmal in die zweite Reihe gerückt. Zum anderen: Auch mobiles Fernsehen via DVB-H kommt in Deutschland nicht richtig zum Laufen. Der Plattformanbieter, der für den Betrieb den Zuschlag erhalten hat, tut sich sehr schwer, mit den im Bieterverfahren unterlegenen Netzbetreibern und den TV-Sendern Verträge zu schließen. So mancher glaubt inzwischen, dass das Projekt gescheitert ist, bevor es richtig begonnen hat.

Es gibt also im Bereich der etablierten Medienanwendungen, beim streng geordneten, veranstalteten, programmlich konzipierten Fernsehen in Deutschland nichts Revolutionäres, jedenfalls nicht, wenn man Technik und Nutzung gleichermaßen betrachtet. Nicht beim Kabel, nicht beim Satelliten und noch nicht einmal bei DSL, wenngleich die mit IPTV einhergehende Verbesserung der Fernsehfunktionalität auf beachtliche Akzeptanz stößt. Wenn man bedenkt, dass wir nun schon Jahre über die Beschleunigung der Digitalisierung sprechen, die Themen adressierbare Boxen und Grundverschlüsselung ziemlich oben auf der Agenda standen und viele der Meinung waren, IPTV werde die ganze Branche aufrütteln, der wendet sich erst einmal enttäuscht anderen Themen zu.

Das Neue
Zum Beispiel dem zweiten Bereich des neuen Fernsehens - dem der Internet-Angebote, die durch redaktionelle Auswahl, Zuschauer-Guidance und einem gewissen Marketingaufwand gekennzeichnet sind. In diese Kategorie fallen die viel beachteten Internet-Plattformen Joost, Zattoo und TVU, aber auch die Mediatheken von ARD und ZDF sowie die Video-on-Demand-Dienste Maxdome und RTL Now. Damit sind wir bei den Themen Peer-to-Peer-Fernsehen und Streaming im Web. Liegt wenigstens dort revolutionäres Potential?

Es wäre verwegen, jetzt schon eine eindeutige Antwort zu geben. Aber es gibt ein paar Indizien, die weiterhelfen. Joost, der Dienst, der aufgrund von Kooperationen mit Rechteinhabern mehr als 20.000 kostenlose Videos aus dem TV-Bereich anbietet, ist von den bisherigen Nutzerzahlen enttäuscht. Janus Friis und Niklas Zennström, die beiden Internet-Pioniere, die schon Kazaa und Skype gegründet hatten, hatten sich die Sache leichter vorgestellt. In vielen Ländern Europas gelang es ihrem Team zudem nicht, die Sender oder die Produzenten auf ihre Seite zu ziehen. Daher ist die Akzeptanz von Joost auch in Deutschland verschwindend gering. Aber selbst wenn ein paar Spartenkanäle den Schritt in Richtung Joost gehen würden - solange die großen Sendermarken und die bekannten Sendungsmarken fehlen, wird das Angebot nicht attraktiv genug sein. Daran ändert auch das neue Übertragungskonzept nichts, bei dem Joost die bisher erforderliche proprietäre Software wieder aufgibt und im normalen Browser mit einem Plugin nutzbar sein wird.

Bei Zattoo sieht die Sache ein wenig anders aus. Dort haben sich zumindest die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf einen Test bis zum 30. März 2009 eingelassen; auch sind private Programme aus der zweiten Reihe dort vertreten, zum Beispiel Bloomberg, Das Vierte, DMAX, das DSF und Tier-TV. Nach wie vor verweigern die großen Senderfamilien aber die Weiterverbreitung ihrer Programme.

Allerdings fragen sich viele, welche Vorteile Zattoo eigentlich bringt. Zattoo ist prinzipiell nur ein weiterer Übertragungsweg. Statt im Wohnzimmer am Fernseher sieht man nun im Arbeitszimmer auf dem PC fern; der Inhalt ist der Gleiche (oder eben sogar nur ein Teil davon). Zattoo selbst beschreibt seine Vorteile in großen Lettern auf der eigenen Website so: "Mit Zattoo kannst du beim Chatten Fußball schauen; Nachrichten schauen, während du Emails schreibst, und dir beim Zahlen von Rechnungen die neuste Episode deiner Lieblingsserie reinziehen."

Ob das aber attraktiv genug ist? Das kann man auch viel einfacher haben, nämlich durch die Kombination von Fernseher und PC. Aber das ist auch das Problem von Zattoo: Der Dienst könnte eine Menge mehr anbieten, zeitversetztes Fernsehen zum Beispiel oder die Möglichkeit, Sendungen auf virtuellen Festplatten aufzuzeichnen. Das alles aber wäre rechtlich viel zu kompliziert. So bleibt es also auf absehbare Zeit beim einfachen Weiterleiten von Programmen in der Hoffnung, dass die Zuschauer Werbespots beim Umschalten der Kanäle dauerhaft akzeptieren. Allerdings bleibt ein unbestreitbarer Vorteil. Nochmal Zitat: "Zattoo lässt dich fernsehen, auch wenn du keinen Fernseher hast." Stimmt ohne Zweifel, aber diese Zielgruppe ist noch ziemlich klein.

Zumindest für Deutschland gilt also folgendes: Das Problem von Joost ist, dass es dort keine Inhalte etablierter Sender gibt. Und das Problem von Zattoo ist, dass sich die Darreichungsform nicht vom normalen Fernsehen unterscheidet. Kann man daraus vielleicht den Umkehrschluss ziehen, dass das Angebot der Inhalte etablierter Sender in anderer Darreichungsform im Netz Erfolg versprechend ist?

Schaut man in der Summe auf die ersten Erfahrungen mit den Mediatheken von ARD und ZDF sowie auf Maxdome und RTL now, dann scheint sich diese Hypothese zu bestätigen. Insbesondere die Nachfrage nach bereits ausgestrahlten Sendungen, die man verpasst hat oder noch einmal sehen möchte und nach ergänzenden Angeboten zu etablierten Formaten ist ziemlich groß. Beim ZDF ist man darüber ganz besonders erfreut, weil damit auch noch eine Verjüngung der Zuschauer einhergeht.

Die Erweiterung linearer Sendeaktivitäten um andere Darreichungsformen im Internet dürfte letztlich für jedes Fernsehprogramm unumgänglich sein. Immer wieder beklagen Sender, Internet-affine Menschen - und die sind durchaus nicht nur jugendlich - erreiche man über die klassischen Fernsehtransportwege gar nicht mehr; die säßen nicht mehr vor dem Fernseher, die nutzten in dieser Zeit das Internet. Wer sich nun aber vorstellt, dass diese Menschen dort zeitgleich vor allem Bewegtbilder (also Videos) anschauen, zum Beispiel gestreamte Sender oder klassisches Video on demand, der irrt. Nein, diese Nutzer kommunizieren, recherchieren, spielen, lesen, hören Radio, laden Dateien herunter oder machen irgend etwas anderes. Und dann, aus welchem Anlass und zu welcher Zeit auch immer, zum Beispiel weil das Gespräch gerade darauf kam, haben sie den Wunsch, einen Fernsehinhalt zu erhalten. Und der muss dann sofort da sein. So aufwändig das sein mag - der Fernsehsender von heute muss zwei Zielgruppen bedienen: Den auf Fernsehen konzentrierten, aber auch den, der sich gerade anderweitig beschäftigt.

Daher stelle ich auch in Frage, ob es praxisnah ist, den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland eine relativ kurze Maximalfrist für das Bereithalten von Sendungen im Internet aufzuerlegen. Ich bin mit den Zeitungen und Zeitschriften der Auffassung, dass ARD und ZDF nicht mit Gebührengeldern umfassende Internet-Strategien verfolgen dürfen. Das rangierte ja teilweise von Spielen über Shops, Foren und Communities bis hin zu kompletten Unterhaltungsangeboten. Auch halte ich die partielle Werbefinanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender für einen logischen Systemfehler - wir sollten ernsthaft darüber reden, sie abzuschaffen. Aber andere Restriktionen müssen an den veränderten Nutzungsgewohnheiten der Bürger gemessen werden und dürfen nicht dazu führen, dass man Mediatheken, die aus bereits ausgestrahlten Beiträgen bestehen, nur unzulänglich nutzen kann; Modellkonsistenz ist auch hier erforderlich.

Mein Fazit: Zwar kann man auch in diesem Bereich noch nicht von revolutionären Änderungen sprechen, aber doch von deutlich erkennbaren Verschiebungen in Richtung zeitversetzte und kontextabhängige Fernsehnutzung. Etablierte Sender müssen ihre Inhalte und ihre Marken in anderer Darreichungsform ins Netz transportieren. Wer Angebote in dieser Hinsicht unterbreitet, ist wohl auf dem richtigen Weg. Dabei ist natürlich nicht nur an den PC zu denken. Erstens ist auch die mobile Nutzung solcher Inhalte hochattraktiv, weil sie gleichzeitig kommunikative Bedürfnisse abdeckt; ich überlasse es der folgenden Diskussion, auf diesen Punkt sowie die mobile Nutzung von Live-Inhalten intensiver einzugehen. Und zweitens ist die Zweigleisigkeit - hier der Fernseher mit seinem herkömmlichen linearen Angebot, dort der PC mit der Möglichkeit der punktuellen Fernsehnutzung - anachronistisch, jedenfalls wenn man sich die Möglichkeiten von IPTV ansieht und die ersten bestehenden Dienste ein wenig weiterdenkt. An dieser Stelle sei dann auch noch kurz der Hinweis gegeben, dass auch das (aufgerüstete, bidirektionale) Kabel IPTV als Ergänzung zu linearen Kanälen anbieten kann; vielleicht sogar besser als DSL, denn das Kabel kann die Last ökonomischer verteilen als DSL - massenattraktive Inhalte kann man an alle verbreiten, punktuell interessierende individuell zusenden.

Das Anarchische
Meine Damen und Herren,

Video-Plattformen wie YouTube unterstreichen dieses Ergebnis. Denn man kann zwar darüber streiten, ob es nun 60, 70, 80 oder 90 Prozent an Inhalten sind, die aus Fernsehsendern stammen. Fest steht aber: Die meisten Inhalte, die dort eingestellt werden, sind TV-Zitate. Auch die Videos von Paul Potts stammten fast alle aus Sendern. Und natürlich ist Paul Potts selbst das Ergebnis einer Vermarktungsstrategie etablierter Medienunternehmen.

Insofern sind auch die anarchischen, allenfalls durch Suchfunktionen systematisierbaren Konfetti-Plattformen, wie ich YouTube und Co. nenne, nichts anderes als weitere Indizien einer sich wandelnden Mediennutzung. Sie sind das Ergebnis einer riesigen weltweiten Abstimmung über eine bestimmte Darreichungsformen von Fernsehen. Diese Darreichungsform jedenfalls will der Nutzer, da kann es doch keinen Zweifel mehr geben.

Insofern folgt daraus eine einfache These: Das Fernsehen wird nicht revolutioniert. Nicht durch Digitalisierung, nicht durch Verschlüsselung, nicht durch die Kabelnetzaufrüstung, nicht durch DSL-IPTV und auch nicht durch neue Internet-Plattformen. Aber bereits das im fernsehhistorischen Zeitvergleich zarte und kurzzeitige Aufflammen markenorientierter, fernsehnaher on-demand-Dienste sowie neuer, anarchischer TV-Formen zeigt, dass neue Darreichungsformen größere Bedeutung erlangen werden. Ja, das Etablierte und das Neue werden sich sogar die Waage halten, denn das Neue ist ohne das Etablierte unattraktiv und das Etablierte ohne das Neue bald auch.