Meine Damen und Herren,
wir Menschen haben die Eigenschaft, uns schnell an Dinge zu gewöhnen. Noch vor wenigen Jahren hatten wir in unseren Autos vorne am Armaturenbrett einen angeklebten Münzhalter, in dem sich 10-Pfennig-Stücke befanden. 10-Pfennig-Stücke brauchten wir für Parkuhren – das waren noch Zeiten! -, insbesondere aber zum Telefonieren. Wir warfen sie in rechteckige metallische und meist Kaugummi-verklebte Kästen und teilten unseren Lieben von unterwegs mit, wann mit unserer Ankunft daheim zu rechnen sei. Manchmal hatten wir nicht genug Groschen dabei - dann blickten wir neidisch nach Amerika, wo es bereits Telefonzellen gab, in denen man angerufen werden konnte; diese Einrichtung wurde nach unserem Kenntnisstand allerdings überwiegend zum Herumdirigieren von Geldüberbringern bei Erpressungen genutzt. Der Gedanke, dass wir eines Tages einmal kleine elektronische Geräte mit uns herumtragen würden, die uns mit vielstimmiger wohlklingender Melodie Gesprächswünsche Anverwandter signalisieren und uns ermöglichen würden, von überall her, ja selbst aus Holland, überall hin zu telefonieren, lag ebenso außerhalb unserer Vorstellung wie die Tatsache, dass der Empfang unheilvoller Telegramme mit aufgeklebten Worten ("Oma gestorben, Beerdigung Dienstag") einmal durch eine sekundenschnell übermittelte SMS ersetzt werden würde.
So ist es auch mit der Übertragung von Daten. Wer heute Breitband für eine Selbstverständlichkeit hält, der sei daran erinnert, dass zumindest die Älteren unter uns, zu denen ich - IT-technisch gesehen! - ohne Zweifel zähle, ihren "Commodore 64" oder vergleichbaren, konvergenten, weil Daten auf Tonkassetten speichernden und auf dem Fernseher mit 40 Zeichen pro Zeile darstellenden, Computer der ersten Stunde um einen Akustikkoppler ergänzen mussten, jenes längliche Gerät mit Gummimuffen, in das wir gewaltsam den Hörer unseres Telefons pressten, um so den Anschluss an die Welt zu erhalten. Falsch machen konnten wir nichts, denn aufgrund des Postmonopols waren alle Telefonhörer gleich. Allerdings gab es kaum von der Bundespost zugelassene Akustikkoppler, so dass wir uns stets ein wenig kriminell fühlten, vorsichtshalber die Vorhänge zuzogen und allen Mitbewohnern empfahlen, selbst bei heftigem Türklingeln Abwesenheit vorzutäuschen. Dann stellten wir per Wählscheibe ein Ferngespräch her und wurden von einem ungeahnten Glücksgefühl übermannt, wenn tatsächlich zeilenweise die Menupunkte einer Mailbox vor unseren Augen erschienen. Mit dem Wahnsinnstempo von 300 Bit pro Sekunde bewegten wir uns freudestrahlend durch so genannte "Bretter", in denen kurze und meist mit Klötzchengrafik veredelte Informationen abzurufen waren. Kamen wir nicht weiter, schickten wir eine Escape-Sequenz an den SysOp, auf dessen Rechner dann tatsächlich ein Klingelton ausgelöst wurde, so dass er alsbald zu Hilfe eilen konnte.
Heute klingelt nichts mehr, weder bei ish noch bei QSC, weder bei Netcologne noch bei der Telekom. Heute rauschen die Daten nur noch automatisch vorbei - sie werden Gigabyte- und nicht mehr Löffelweise serviert. Heute bewegen wir - ob als Unternehmen oder Privatkunden - Daten mit ungeahnter Geschwindigkeit durch Intranets und Extranets, surfen durch das World Wide Web, verschicken in Millisekunden Mails und Instant Messages, laden Musik herunter, schauen gestreamte Videos an, spielen online, bieten bei Auktionen mit und sind mit Breitband-Netzen so vertraut, als hätte es sie immer schon gegeben. Ja selbst Einladungen zu Veranstaltungen wie dieser, bei denen es darum geht, was wir denn noch alles mit den Breitbandnetzen machen können, wundern uns nicht mehr. Wir Menschen haben eben die Eigenschaft, uns an Neues schnell zu gewöhnen. Nur ab und zu reiben wir uns verwundert die Augen, wie rasant das alles gekommen ist, so wie Loriot es in einer Szene von "Papa ante portas" einmal dargestellt hat, wo der frühpensionierte Familienvater seinem inzwischen erwachsenen Sohn sagt: "Es ist merkwürdig. Kaum bist Du geboren und schon sitzen wir gemeinsam beim Mittagessen."
Doch solche kontemplativen Überlegungen sind selten. Wir Deutschen pflegen Revolutionen wie die in der Breitband-Welt rasch zu konsumieren und uns dann auf das zu konzentrieren, was uns Sorgen macht. Während sich der Amerikaner mit den Worten "Count your blessings" motiviert, zählt man in Deutschland lieber die Blessuren. Darüber gerät allzu schnell in Vergessenheit, was für eine enorme Aufbauleistung Breitband-Anbieter wie QSC und NetCologne gerade hier in Köln erbracht, was sie damit für die Unternehmen und die Menschen geleistet und welche Impulse sie unserer Wirtschaft bereits jetzt gegeben haben. Ich finde, dieser Satz sollte am Anfang dieser Veranstaltung nicht fehlen.
Deswegen gehöre ich auch nicht zu jenen, die die Meinung vertreten, wir seien in Deutschland hoffnungslos hintendran. Das Gegenteil ist ja der Fall. Wir sind Weltmarktführer bei DSL – nirgendwo sonst ist der Bestand an breitbandigen Internetzugängen so schnell gewachsen wie hier. Der E-Commerce macht rasante Fortschritte und stellt sich für viele Unternehmen immer positiver dar. Die Nutzung von Services über das Internet, von der Flugbuchung über die Hotelreservierung bis zum Konzert-Ticket-Kauf, ist auch in einem Land, in dem man eigentlich alles lieber schwarz auf weiß hat, inzwischen selbstverständlich geworden. Sogar die Internet-Werbung zieht mittlerweile an. Und in Intranets und Extranets gibt es immer mehr spannende, Kosten sparende und Produktionsprozesse optimierende Anwendungen. Auch soziale und kulturelle Bereiche profitieren davon in ungeahntem Maße. Wir werden heute Beispiele dafür kennen lernen, unter anderem aus dem Gesundheitswesen.
Allerdings: Noch ist nicht überall Breitband drin, wo Breitband draufsteht. Bei ish zum Beispiel. Da hat man, und da machen die heutigen neuen Verantwortlichen auch gar keinen Hehl daraus, den Mund zu voll genommen. Das überall per Plakat angekündigte "Fernsprechdownloadglotznet" – was für ein eingängiger und leicht verständlicher Begriff – ist von seiner Realisierung weit entfernt. Dies rechtfertigt Kritik, allerdings keine Häme. Denn wer einmal im Datenraum der Deutschen Telekom war, der weiß, welches undokumentierte Netzchaos da verkauft wurde. Unter Deutschlands Strassen sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Lose und ziemlich beliebig in die Erde geworfene Kabel lassen die Auf- und Umrüstung von Netzen zu einem gigantischen Mikado-Spiel werden.
Natürlich ist dies nur die erste Hälfte der Geschichte. Die zweite hat etwas mit Geld zu tun, und da sind alle großen Kabelgesellschaften Europas nicht gerade üppig ausgestattet. Die Nummer 4, ntl, ist insolvent, die Nummer 3, UPC, kündigt permanent an, es bald zu sein, über die Nummer 2, die Callahan-Gruppe, hatten wir schon gesprochen und die Nummer 1, die Deutsche Telekom, hat gar nicht erst ins Kabel investiert. Von 13 europäischen Kabelnetzbetreibern, sagt McKinsey, können vier noch nicht einmal die laufenden operativen Kosten für die bestehenden Kunden abdecken, weitere sechs können keine Neukunden mehr akquirieren und die verbleibenden drei können jedenfalls nicht weiter aufrüsten. Alle 13 verdienen noch nicht einmal genug Geld, um ihre Darlehenszinsen zahlen zu können, von positivem Cash-Flow ganz zu schweigen.
Wer da immer noch erwartet, dass die drei bisher verkauften Kabelgesellschaften in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen ihre jeweiligen Netze allein und ohne bundesweite Bewegung flächendeckend aufrüsten, Set-Top-Boxen anschaffen, Telefonie einführen und interaktive Dienste veranstalten, der kann nur ein notorischer Träumer sein. Dies gilt umso mehr, als die Erwerber der Netze viel zu viel Geld an die Telekom zahlen mussten, das jetzt für Investitionen fehlt. Außerdem ist das Verhältnis der Netzebene 3 zur Netzebene 4 immer noch ungeklärt und die Fernsehsender haben anfänglich ja auch nicht gerade hilfreich gewirkt, was an der Entscheidung des Bundeskartellamts in Sachen Liberty recht gut ablesbar ist.
Wenn wir also heute auf Initiative des Medien– und IT-Rats der Stadt Köln über weitere Nutzungsmöglichkeiten der Breitbandnetze sprechen, wenn wir diskutieren wollen, wie Breitband-Anwendungen gefördert und verbreitet werden können – ein höchst löbliches Unterfangen -, dann werden wir nicht nur über die Segnungen von DSL, In-House-Netzen und Virtual Private Networks sprechen können, sondern zunächst einmal unser Unbehagen darüber zum Ausdruck bringen müssen, dass die Entwicklung eines wichtigen Breitbandtransportmittels, nämlich des Kabels, zum Stillstand gekommen ist.
Nun nützt es nichts, Appelle zu formulieren oder Resolutionen zu verabschieden. Wenn man den Beteiligten Glauben schenken darf, schreiten die Verhandlungen über den Verkauf der sechs Regionalgesellschaften endlich, wenn auch schleppend, voran und Anfang nächsten Jahres soll es zu einem Abschluss kommen. Die Telekom scheint das, was sie jetzt noch zur Förderung der Attraktivität des Kabels beitragen kann, zu tun – immerhin hat sie den Preis mehrfach massiv gesenkt und vorsorglich auch schon mal, zum Leidwesen vieler Netzebene 4-Betreiber und Wohnungswirtschafts-Unternehmen, die Endkundentarife fürs Kabel erhöht, damit die Erwerber diesen unpopulären Schritt nicht als erstes vornehmen müssen. Die Telekom macht also die Braut schön, sagen wir mal besser: sie putzt sie etwas heraus, denn Miss- Wahlen wird das deutsche Kabel definitiv nicht für sich entscheiden können.
Deswegen ist es auch bei einem erfolgreichen Verkauf noch keineswegs sicher, dass unser überregionales Broadcast-Kabel dann auch alsbald zu einem überregionalen Broadband-Kabel wird. Dies hat vor allem damit zu tun, dass Unternehmen, die erst 2004 bis 2007, also Jahre nach den City-Carriern und DSL-Betreibern, sukzessive neue Netzdienste anbieten können, damit vielleicht zu spät kommen. Dann werden möglicherweise zwei der drei Elemente des Triple-Play nicht mehr auf ausreichende Nachfrage stoßen, um die hohen Investitionen zu refinanzieren; ich meine Telefonie und "Fast Internet".
Im Telefonie-Bereich kann man ohnehin zweifeln, ob der Preisanreiz dann noch ausreichend dimensioniert werden kann, um den - doch eher unbequemen - Wechsel von Telefonanschlüssen und Telefonnummern zu rechtfertigen. Die Telefoniedienste der Kabelgesellschaften in Großbritannien können da nicht als Vorbild dienen; ihre Einführung war gleichbedeutend mit der Deregulierung. Wir Deutschen aber erfreuen uns schon lange an reduzierten Entgelten und haben – nicht nur im Business-Bereich – schon jetzt eine Menge Telefonie-Wahlmöglichkeiten, nun auch im Lokalen.
Und wenn das rasante Wachstum bei DSL so weiter geht, dann wird das Kabel auch beim schnellen Internet-Zugang keine Initialzündung mehr auslösen. Angesichts des relativ niedrigen Preisniveaus und der hohen Qualität unserer DSL-Zugänge kann man jedenfalls nicht von einer großen Wechselbereitschaft derer ausgehen, die dann schon einen Breitbandanschluss haben.
Ähnliche Gedanken hegen natürlich auch die Interessenten im Bieterverfahren der Telekom. Nun wäre es aber völlig falsch, auf den Vorschlag der Landesmedienanstalten zu hören. Sie haben neulich gefordert, den Kabelverkauf auszusetzen und zu warten, bis klügere Käufer kommen. Dies würde die Unsicherheit nur noch weiter vergrößern. Nein, wir müssen zu einem raschen Konsens kommen, der allen Beteiligten Planungssicherheit verschafft.
Betrachten wir es einmal aus Sicht der Netzebene 4. Diese Unternehmen haben ja – vereinfacht gesagt - die Endkundenbeziehung. Sie müssen schnell etwas tun, denn macht man gar nichts, wird das Kabel an Attraktivität verlieren. In England haben wir in diesem Jahr einen Rückgang der Kabelnutzer um 5,5 Prozent zu verzeichnen und in Deutschland erstmals einen Quasi-Stillstand. Es ist ja nicht nur der Satellit, der das Kabel bedroht und DSL, das ihm seine Notwendigkeit als Datentransporteur nimmt. Auch die schrittweise Einführung des digitalen terrestrischen Fernsehens DVB-T mit 24 kostenlos empfangbaren Kanälen macht den Kabelnetzbetreibern keine Freude.
Sie brauchen von den Erwerbern daher rasch im Frühjahr 2003 eine Entscheidung. Die könnte lauten, die Aufrüstung trotz aller Bedenken durchzuziehen. Das würde bedeuten, dass die örtlichen Kabelunternehmen ihren Kunden demnächst mehr Programme, Internet-Zugang und interaktive Fernsehdienste, also echtes Broadband, anbieten können. Allerdings müssen sie dann auch selbst ihre Netze aufrüsten. Hierzu wollen sie zu Recht wissen, welche Anteile von welchen Erlösen sie denn künftig erhalten werden. Es müssen also schnell überzeugende und faire Business-Modelle her.
Ich wünsche es mir nicht, aber ich kann mir durchaus vorstellen und es spricht einiges dafür, dass die Entscheidung der Netzebene 3-Erwerber anders lautet. Die potentiellen Käufer erwägen jedenfalls zur Zeit, einstweilen nur die Migration vom überwiegend analogen zum überwiegend digitalen Kabel zu vollziehen, aber auf die Reduzierung von Clustergrößen und die Einrichtung von Rückkanälen zu verzichten. Also mehr Broadcast, aber kein Broadband.
Das würde bedeuten, dass sich die Netzebene 3 auf den Dienst "Rundfunk" konzentriert. Dies muss übrigens nicht bedeuten, dass es beim Fernsehen technologischen Stillstand gibt. Es gibt nachvollziehbare Pläne, interaktive Dienste einzuführen, die nicht den großen Aufrüstungsschritt erfordern, aber dennoch zusätzliche Möglichkeiten schaffen und sogar den E-Commerce auf den Fernseher und ins Wohnzimmer bringen. Länder wie England und Frankreich machen es uns vor. Set-Top-Boxen braucht man ja ohnehin, denn sonst könnte man Digitalfernsehen nur als Premiere-Abonnent bekommen. Digital ist aber mehr als Premiere. Und es gibt noch eine ganze Reihe von Programmanbietern, insbesondere im Spartenbereich, die in den Startlöchern stehen.
Nicht jede Set-Top-Box muss übrigens hunderte von Dollar kosten. Es gibt inzwischen Entwicklungen, die zu wesentlich preisgünstigeren und wesentlich länger einsetzbaren Endgeräten führen, und dennoch die Entfaltungs- und Zugangsmöglichkeiten der Sender uneingeschränkt gewährleisten. Wir müssen halt in der Krise der Kabelindustrie alle ein wenig umdenken. Manche kleine Lösung ist mir lieber als eine große, die dann an der Finanzierung scheitert.
Rüstet die Netzebene 3 nicht auf, muss die Netzebene 4 abwägen, ob sie dieses reduzierte überregionale Geschäftskonzept auch lokal akzeptieren kann. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ihr dann Kunden weglaufen, vom Kabel zum Satelliten und DVB-T, die ja – von Anfangsinvestitionen abgesehen – kostenlos sind. Das wird keine Völkerwanderung werden, könnte aber rasch zu einem Verfall der Gewinnmargen führen. Deswegen werden viele NE4-Betreiber nach Lösungen suchen, um dennoch kurzfristig Breitbandangebote machen zu können. Dabei werden zur Zeit auch Kombinationen mit DSL und den Netzen der City-Carrier diskutiert. Solche Insellösungen müssen übrigens nicht zu einem Abkoppeln vom überregionalen Netz führen. Ich kann mir durchaus vorstellen und ermuntere die handelnden Personen in diesen Tagen auch immer wieder dazu, dass man Kooperationsmodelle entwickelt, etwa dergestalt, dass die Erwerber der Regionalgesellschaften die Aufrüstung der Netzebene 4 unterstützen und zum Beispiel Dienstleistungen wie den Betrieb des Internet-Backbones und den Customer Care übernehmen, möglicherweise insofern als No-Name-Dienstleister. Das Business-Modell "Radio NRW" hier aus Nordrhein-Westfalen könnte da ein Vorbild sein.
Sie sehen: Es gibt nicht nur die viel zitierten Alternativen zum Kabel, sondern es gibt auch Alternativen im Kabel, bei denen DSL eine wichtige Rolle spielen kann.
Ohnehin ist DSL bei der Datenkommunikation deutlich im Vorteil. DSL ist das geborene, das Kabel allenfalls das gekorene Breitbandmedium. Denn während man beim Kabel mühsam Cluster reduzieren und Rückkanalfähigkeit schaffen muss, verfügt unser Telefonnetz per definitionem über Bidirektionalität und die Clustergröße "1". Inzwischen sind bei DSL auch die Kinderkrankheiten und technischen Probleme weitgehend ad acta gelegt. Wer heute als mittelständisches Unternehmen eine schnelle Datenanbindung braucht oder als Privatkunde gerne eine hätte, kann sie innerhalb von Tagen bekommen. Manchmal hakt es noch an den Technikern der Telekom. Auch gibt es durchaus Auftragsstaus. Aber der Dienst als solcher ist, wenn wir es einmal mit der Einführung von schmalbandigen Online-Diensten vergleichen, ungeahnt zuverlässig.
Hinzu kommt, dass inzwischen auch Technologien zur Verfügung stehen, die noch mehr aus DSL machen. Im Home und Small Office sind dies Routing-Lösungen und insbesondere Wireless LAN, bei Großunternehmen sind es Kombinationen mit Virtual Private Networks, die ein Mehr an Datensicherheit und Geschwindigkeit bieten.
Wir werden heute Nachmittag noch viel über die Wirkungen der Breitbandanbindungen sprechen und über die Chancen, die sie bringen. Das vor allem für Endkunden segensreichste Feature heißt "Always on". Diese Eigenschaft, die ja auch den neueren Mobilfunkprotokollen und Netzen wie GPRS und UMTS innewohnt, ist für die Nutzer, wie Umfragen zeigen, mindestens genauso bedeutsam wie die Erhöhung der Geschwindigkeit. Denn für manche Anwender, vor allem für jene, die das Internet überwiegend für E-Mail und Instant Messaging benutzen, war das Hauptproblem nicht "Geschwindigkeit" sondern "Zeit". Es war einfach lästig, zum Checken von E-Mail jedes Mal eine neue Online-Verbindung aufbauen zu müssen. Es war auch höchst hinderlich, dass dabei permanent ein unsichtbarer Gebührenzähler lief. Nun weiß ich wohl, dass "always on" nicht "flat fee" bedeutet. Aber selbst Mengenbeschränkungen im Gigabyte-Bereich produzieren nicht annähernd eine derartige Unruhe wie der Sekundenzeiger, der unser Portemonnaie sukzessive leert, bei "x Stunden gratis" mindestens zu leeren scheint.
So ist es auch im Wesentlichen auf die "always on"-Eigenschaft der Breitbandnetze zurückzuführen, dass das Internet nunmehr immer festerer und fast integrierter Bestandteil unserer täglichen Arbeit am Computer geworden ist. Immer mehr Menschen greifen regelmäßig und wie selbstverständlich auf das Internet zu und beziehen Informationen daraus, recherchieren Fakten oder kommunizieren – übrigens in aller Regel ohne Realitätsverlust und ohne soziale Vereinsamung. Im Gegenteil: Die permanente Zugriffsmöglichkeit aufs Netz hat zu einer Verstärkung von Dialogen, Zusammenarbeit und auch persönlichen Begegnungen geführt. Zweifel daran hört man inzwischen auch nur noch selten.
Freilich darf uns nicht entgehen, dass die enormen Möglichkeiten, die das Internet für die breitbandig und always-on-Vernetzten bietet, auch gleichzeitig ein neues Gefälle hervorrufen, nämlich zu denen, die,
- mangels technischer Verfügbarkeit,
- aufgrund fehlender finanzieller Mittel
- oder auch einfach als Folge von Schwellenängsten
diese Möglichkeiten nicht haben. Auch dies wird sicherlich Thema des Medien- und IT-Rats der Stadt Köln sein, insbesondere im Hinblick auf den qualifizierten Unterricht in Schulen und Universitäten, bei dem es ja, nur so viel dazu, mit dem Anliefern von Computern keineswegs getan ist. Ein Thema wird sicherlich nicht so sehr im Vordergrund stehen, da wir uns ja in einer der größten Städte Deutschlands befinden. Ich meine das Stadt-Land-Gefälle. Hier wird man deutlich sagen müssen, dass ganz gleich, über welches drahtgebundene Breitband-Netz wir sprechen, eine längerfristige Benachteiligung ländlicher Regionen wohl unvermeidbar ist. In diesen Fällen bleibt die Alternative "Internet über Satellit", von der zu hoffen ist, dass sie bald erschwinglicher und besser handhabbar wird.
Nebenbei: Umgekehrt hat das Internet allerdings auch wiederum "natürliche" Stadt-Land-Gefälle reduziert. Beispielsweise bei der Wissensvermittlung oder dem Dialog mit Menschen über gleiche, aber eher seltene Interessensgebiete. Als Beispiel nehme ich auch immer gerne das Internet-Auktionshaus Ebay, das mit über 2 Millionen Artikeln ein gigantischer Warenmarkt ist, den man sich an keinem Ort der Welt, erst recht nicht in einem bayerischen Alpendorf, in der Realität vorstellen könnte. Würde man die Waren aneinanderreihen und hübsch präsentieren, wäre der Verkaufstisch so lang wie die Entfernung der Erde zum Mond.
Für Unternehmen schaffen die Breitbandanbindungen natürlich die größten Chancen – und zwar sowohl gegenüber dem Endkunden (Stichworte sind E-Commerce, Kundenbindung) wie auch im sogenannten B2B- und B2E-Bereich, also "Business to Business" und "Business to Employees". Ich will nicht vorwegnehmen, was Sie heute an Beispielen noch hören werden. Schneller Datentransfer im Unternehmen, besserer Informationsaustausch zwischen Firmen und Filialen, mehr Transparenz im Verhältnis zu den Mitarbeitern, mehr Mobilität, größere Dezentralisierung, mehr Effizienz und das alles bei geringeren Kosten – diese Stichworte mögen hier zunächst genügen. Die einzelnen Branchen können hier viel voneinander lernen; deswegen sollten Sie die Vorträge im zweiten Teil der heutigen Veranstaltung auch nicht nur rein branchenspezifisch verstehen.
Zwei Beispiele dazu: Was bedeutet es eigentlich, wenn wir keine dedizierten Breitbandleitungen mehr legen müssen, wie noch vor kurzer Zeit? Nun, es bedeutet, dass wir auch sehr kurzfristig Eins-zu-Eins-Datenbeziehungen herstellen können, ohne dies vorher genau planen zu müssen. Wenn beispielsweise ein Mitarbeiter von jedem Ort der Welt aus über einen normalen Computer und einen Browser auf die Firmendatenbank zugreifen kann, dann bedeutet das eben eine enorme Flexibilität, auch im Hinblick auf die Gestaltung von Arbeitswelten. Und wenn es möglich ist, über Breitbandnetze alles zu versenden, was nicht denknotwendig körperlich transportiert werden muss, dann stellt das eben für ganze Geschäftsbereiche Chancen und auch Herausforderungen dar.
Diesen Herausforderungen stellen sich einige Branchen allerdings nur zögerlich. Im Musikbereich hat man, wie Sie wissen, die Entwicklung lange verschlafen. Dann begann man zwar damit, entgeltpflichtige Download-Modelle anzubieten; doch sie waren so praxisfern und kompliziert, dass keiner mehr durchsah, wann er wie viele Titel für wie lange abrufen und wie viele er davon auf Tonträgern abspeichern durfte. Die Nutzer haben das zu Recht als unpraktikabel und inakzeptabel abgelehnt. Wenn Ihnen Ihre Freundin nach einem anregenden Abendessen ins Ohr haucht "Spiel doch noch mal unser Lied" und Sie müssen antworten "Tut mir leid, mein Rechteumfang ist leider ausgeschöpft", dann zerstört das den Zauber der Musik - und die gerade aufkeimende Romantik erst recht.
Die Videoindustrie ist da bei weitem offensiver und aufgeschlossener aufgetreten, vor allem hier in Deutschland. Datty Ruth von VCL und Herbert Kloiber gehörten zu den ersten, die mit ihren Produkten auf den Video-on-Demand-Plattformen von Arcor, T-Online und QSC vertreten waren. Natürlich ist der PC nicht das ideale Endgerät für Entertainment. Nach und nach werden aber auch Spartenangebote entstehen, die auf dem Endgerät PC bestens aufgehoben sind. E-Learning und Business-TV mögen hier als Stichworte genügen. Nach und nach wird es auch technisch immer einfacher und kostengünstiger, solche Angebote zu machen. Wo Sie heute noch teure Lizenzen und starke Server brauchen, also Geld und Know-How, geht der Trend auch hier nun zu kostengünstigen, einfachen und dennoch qualitativ hochwertigen und sicheren Lösungen. Beim Get-Together heute abend um acht werden Sie das live testen können; das Hürther Start-up-Unternehmen "XOD" führt dort eine Anwendung vor, die selbst mich noch überrascht hat. Ihrer Aufmerksamkeit heute abend empfehle ich auch die Anwendung des Kölner Unternehmens "Plan B", das Ihnen einen virtuellen Museumsrundgang präsentiert. Das ist ebenfalls ziemlich beeindruckend und ich frage mich, wenn das Plan B war, was mag dann "Plan A" gewesen sein?
Nehmen Sie die Beispiele heute abend bitte auch als Beleg dafür, dass mit dem Zusammenbruch der New Economy kein Zusammenburch unternehmerischer Kreativität verbunden ist. Nur die wenigsten Unternehmen erkennen das zur Zeit. Intel hat gerade beschlossen, einen mit 100 Millionen Dollar bestückten Fonds zur Förderung von Start-ups aufzulegen. Ich meine, das ist das richtige Signal gerade in einer schwierigen Zeit.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die neuen Breitbandnetze auch die Basis für vielfältige Innovationen darstellen, insbesondere für Anwendungen und Dienstleistungen, die den Datenaustausch und auch die private Nutzung der Netze vereinfachen oder kostengünstiger und sicherer werden lassen. Solche Lösungen kommen aber nicht nur von den Großen in der Branche. Aus meiner Beratungspraxis weiß ich, dass es, insbesondere hier in Köln und im Kölner Umland, viele junge Unternehmen gibt, die einfache, realistische und manchmal sogar bahnbrechende Produkte entwickelt haben. Sie leiden aber ganz extrem darunter, dass die Luftblasenmentalität der New Economy Nachwirkungen hat. Auch dann, wenn sie weit davon entfernt sind, unrealistische oder gar träumerische Vorstellungen zu haben, ist es ihnen heute oft kaum noch möglich, bei Unternehmen mit ihren Ideen Gehör zu finden. Dies gilt noch viel stärker bei Banken. Heute ist kaum noch ein Geldinstitut bereit, selbst niedrige Summen zur Startup-Finanzierung zur Verfügung zu stellen. Damit werden Innovationen schon in der allerersten Phase zunichte gemacht, noch bevor es gelingen kann, langfristige Finanzpartner oder strategische Investoren zu finden.
Wenn wir die Breitbandnetze langfristig effektiv nutzen und damit Arbeitsplätze sichern und neue Arbeitsplätze schaffen wollen, dann müssen wir auch etwas tun, um Ideen und Innovationen zu fördern. Jeder von Ihnen hier im Raum kann dazu beitragen, sei es als Mitglied des Medien- und IT-Rats, sei es als Unternehmer. Öffnen Sie sich neuen Gedanken, geben Sie Raum für neue Entwicklungen, seien Sie aufgeschlossen gegenüber neuen Projekten! Vergessen wir nie, dass die meisten großen Ideen dieser Welt in kleinen Räumen geboren wurden. Ob Microsoft, Apple, Ebay oder Amazon – es waren nicht die etablierte Konzerne, es waren die jungen Forscher, Erfinder und Tüftler, die das Neue in die Welt gebracht haben.
Manche Fragestellungen, die durch die Breitbandnetze virulent werden, verlangen allerdings mehr als nur die Innovationskraft Einzelner. Hier sind gemeinsame Entscheidungen und auch deutliche Wegweisungen vonnöten. Noch immer gibt es zum Beispiel keine allgemein akzeptierten und populär gemachten Verfahren zu Microbilling und digitaler Signatur. Noch immer haben zahlreiche Server in deutschen Unternehmen, vor allem wenn sie Microsoft-Produkte nicht perfekt konfiguriert einsetzen, scheunentorgroße Sicherheitslücken. Die Angriffsmöglichkeiten in "Wireless LANs" sind vielen, insbesondere mittelständischen, Unternehmen noch weitgehend unbekannt. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.
Auch die öffentliche Hand hinkt in mancher Hinsicht noch weit hinterher. Neulich erklärte mir eine leitende Mitarbeiterin des Wirtschaftsministeriums (!) eines deutschen Bundeslandes ernsthaft, nach 19:00 Uhr könne sie keine E-Mail mehr abschicken; das sei in ihrem Haus so angeordnet. Auch ist manche Internet-Dienstleistung von kommunalen Einrichtungen auf das Herunterladen von Formularen beschränkt, die dann bitte höchstpersönlich zwischen 8 und 12 bei den Amtsträgern abzugeben sind. Generalisiert will ich damit sagen, dass wir unnötige Schranken, seien sie hoheitlicher oder betriebsinterner Art, dann bitte auch einmal angesichts der neuen Breitbandnetze überprüfen müssen. Es will mir auch irgendwie nicht in den Kopf, dass ich nun von jedem PC aus sekundenschnell Bankgeschäfte tätigen und Kontostände abrufen kann, eine am Freitag nachmittag um zwei online eingegebene Überweisung aber frühestens vier, manchmal erst fünf Tage später auf dem Konto des Empfängers erscheint. Wird da eigentlich am Wochenende der Strom im Rechenzentrum abgeschaltet oder gibt es bei unserer deutschen Banken noch Mitarbeiter, die die aufgelaufenen Transaktionen montags vom Bildschirm abschreiben und in Formulare umwandeln? Oder ist das gar Absicht?
Was auch immer der Grund sein mag: Mit der technischen Innovation muss auch die praktische Innovation einher gehen. Und das ist Thema des heutigen Tages. Dazu brauchen wir, das hat der Medien- und IT-Rat der Stadt Köln ganz richtig gesehen, Beispiele und Dialoge. Nehmen Sie diesen Nachmittag und Abend daher auch als Signal. Als Signal für die Bereitschaft, die enormen Möglichkeiten der Netze offensiv zu nutzen. Zu weit mehr als nur Gigabyte-Download und Film-Transport. Denn Breitband ist nicht in erster Linie eine Technologie, sondern ein Faktor. Ein Faktor für Fortschritt. Für Wachstum. Für wirtschaftliche Belebung. Für Kommunikation. Für Bildung. Für Nutzen. Wir, die wir in diesem Raum zusammen sind, haben eine große Chance. Wir können die Zukunft gestalten, ja sogar ein ganz klein wenig die Welt verändern. Daher wird das erste Kölner Breitbandforum auch sicher nicht das letzte sein.